Rudi Dutschke 1940 - 1979
Rudi Dutschke
(* 7. März 1940 als Alfred Willi Rudi Dutschke in Schönefeld bei Luckenwalde; † 24. Dezember 1979 in Århus, Dänemark), war ein deutscher marxistischer Soziologe. Er gilt als bekanntester Wortführer der westdeutschen und West-Berliner Studentenbewegung der 1960er Jahre.
Dutschke war mit Gretchen Dutschke-Klotz verheiratet, mit der er drei Kinder hatte. Er starb an den Spätfolgen eines Attentats, bei dem er schwere Hirnverletzungen davongetragen hatte.
Leben
Jugend und Studium
Rudi Dutschke, vierter Sohn eines Postbeamten, verbrachte seine Jugendjahre in der DDR. Er war in der evangelischen Jungen Gemeinde von Luckenwalde aktiv, wo er seine „religiös sozialistische“ Grundprägung erhielt. Als Leistungssportler (Zehnkampf) wollte er zunächst Sportreporter werden und trat deshalb 1956 in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein.
Durch den Ungarischen Volksaufstand im selben Jahr wurde Dutschke politisiert. Er ergriff Partei für einen Demokratischen Sozialismus, der sich gleichermaßen von den USA und der Sowjetunion distanzierte. Der SED stand er ebenfalls ablehnend gegenüber. Im Gegensatz zum antifaschistischen Anspruch ihrer Staatsideologie sah er die alten Strukturen und Mentalitäten im Osten ebenso fortdauern wie im Westen.
1957 trat er öffentlich gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft und für Reisefreiheit ein. Er verweigerte den (damals freiwilligen) Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee und rief andere dazu auf, es ihm gleich zu tun. Nach seinem Abitur 1958 und nochmals nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann in einem Luckenwalder Volkseigenen Betrieb verwehrten die DDR-Behörden ihm daher das gewünschte Sportstudium.
Daraufhin pendelte Dutschke regelmäßig nach West-Berlin und wiederholte dort zunächst sein Abitur am Askanischen Gymnasium Berlin, da ein DDR-Abitur im Westen nicht als Hochschulreife anerkannt wurde. Nebenher schrieb er Sportreportagen, unter anderem für die B.Z. aus dem Axel-Springer-Verlag. 1961, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, siedelte er nach West-Berlin über, um Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft an der Freien Universität (FU) zu studieren. Ihr blieb er bis zu seiner Promotion 1973 verbunden.
Zunächst studierte Dutschke den Existentialismus Martin Heideggers und Jean-Paul Sartres, bald aber auch Marxismus und die Geschichte der Arbeiterbewegung: Er las die Frühschriften von Karl Marx, Werke der marxistischen Geschichtsphilosophen Georg Lukács und Ernst Bloch sowie der Kritischen Theorie (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse). Angeregt durch die Begegnung mit der US-amerikanischen Theologiestudentin Gretchen Klotz – seiner späteren Frau – las er auch Werke von Theologen wie Karl Barth und Paul Tillich. Aus seinem christlich geprägten wurde nun ein marxistisch fundierter Sozialismus. Dabei betonte er jedoch immer die Entscheidungsfreiheit des Individuums gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen.
Studentenbewegung
Dutschke verband sein Studium schon früh mit praktischem Engagement. So gab er etwa die Zeitschrift Anschlag heraus, in der Kritik am Kapitalismus, die Probleme der Dritten Welt und neue politische Organisationsformen thematisiert wurden. Das Blatt galt wegen seiner „aktionistischen“ Ausrichtung im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) damals als „anarchistisch“.
1962 gründete Dutschke mit Bernd Rabehl eine Berliner Gruppe der Münchner „Subversiven Aktion“, die sich als Teil der Situationistischen Internationale verstand. Im Dezember 1964 organisierte er mit einem Dritte-Welt-Kreis eine Demonstration gegen den Staatsbesuch des kongolesischen Diktators Moise Tschombé, an der auch der Berliner SDS teilnahm. Im Januar 1965 nahm dieser Dutschke und seine Gruppe auf. Im Februar 1965 wählte er Dutschke in seinen politischen Beirat, so dass dieser die politische Richtung fortan mitbestimmte.[1]
Ab 1966 organisierte Dutschke mit dem SDS zahlreiche Demonstrationen für Hochschulreformen, gegen die Große Koalition, die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg. Die wachsende Studentenbewegung verknüpfte diese Themen und die Kritik an der mangelnden Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit miteinander und verstand sich nun als Teil einer Außerparlamentarischen Opposition (APO).
Am 23. März 1966 heiratete Dutschke Gretchen Klotz. Im Mai bereitete er den bundesweiten Vietnamkongress in Frankfurt am Main mit vor. Hauptreferate dort hielten bekannte Professoren der „Neuen Linken“ (u.a. Herbert Marcuse, Oskar Negt) und der eher „traditionalistischen“ Linken außerhalb der SPD (Frank Deppe, Wolfgang Abendroth).
In jenem Jahr wollte Dutschke mit einer Arbeit über Lukács bei Professor Hans-Joachim Lieber, dem damaligen Rektor der FU, promovieren. Nach Auseinandersetzungen um das politische Mandat des Berliner AStA und die Nutzung von Universitätsräumen für Aktionen gegen den Vietnamkrieg verlängerte Lieber Dutschkes Assistentenvertrag an der FU Berlin nicht. Damit schied eine akademische Laufbahn für ihn vorerst aus.
Nachdem ein Polizist am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen hatte, riefen Dutschke und der SDS bundesweit zu Sitzblockaden auf, um die Aufklärung der Todesumstände zu erzwingen. Zudem forderten sie den Rücktritt der Verantwortlichen für den Polizeieinsatz und die Enteignung des Verlegers Axel Springer. Die Studenten machten die kampagnenartige Berichterstattung der Zeitungen seines Verlags für Ohnesorgs Tod mitverantwortlich. Ihre Sicht wurde nun auch erstmals von etablierten Medien – dem Spiegel, der Frankfurter Rundschau und der Zeit – aufgegriffen. Jedoch solidarisierten sich nur wenige Professoren, darunter Dutschkes Freund Helmut Gollwitzer, mit den protestierenden Studenten.
Podiumsdiskussionen und Interviews, u.a. mit Rudolf Augstein, Ralf Dahrendorf und Günter Gaus, machten Dutschke nun auch bundesweit bekannt. Wichtiger war ihm jedoch der Kontakt zu jungen Arbeitern. Dies zeigte er z.B. bei einem im Februar 1968 von Jungsozialisten im Ruhrgebiet organisierten Streitgespräch mit Johannes Rau zum Thema: „Sind wir Demokraten?“ Auf für ihn typische antiautoritäre Art zeigte sich Dutschke unangepasst und respektlos, redete Rau als „Genosse“ an, kritisierte parlamentarische Rituale und Institutionen und forderte eine „Einheitsfront von Arbeitern und Studenten“. Dieses Ziel behinderte er jedoch häufig selbst durch seine akademisch-soziologische Ausdrucksweise und seinen intellektuellen Habitus.
Sein Auftreten polarisierte die Öffentlichkeit; er erfuhr zunehmend auch Ablehnung und Hass. Die Zeitungen des Springerverlags und viele Regionalzeitungen setzten ihn – wie die 68er insgesamt, als deren Symbolfigur er nun galt – u.a. mit Hinweisen auf sein „ungepflegtes Äußeres“ und seine DDR-Herkunft herab. Als er bei einem „Go-in“ im Weihnachtsgottesdienst 1967 der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche versuchte, eine Diskussion über den Vietnamkrieg herbeizuführen, schlug ein wütender Gottesdienstbesucher ihn nieder und verletzte ihn.[2]
Im Zusammenhang vieler damaliger Bildungsreformanläufe hatte Dutschke eine „Kritische Universität“ an der FU West-Berlins mit vorbereitet. Im Wintersemester 1967/68 führten etwa 400 West-Berliner Studenten in Eigenregie 33 Arbeitskreise durch. Sie befassten sich überwiegend mit Fragen der Hochschulreform und mit Berufschancen für Akademiker in der arbeitsteiligen Gesellschaft; zwei Arbeitskreise thematisierten „Wirtschaftskrise und Sozialpolitik in Westberlin“ oder „Rechtsstaat und Demokratie in Deutschland“. Sie sollten nach dem Vorbild ähnlicher Versuche an den Universitäten von Berkeley und Paris eigene Vorstellungen basisdemokratischen Lernens umsetzen und mit dem Aufbau einer für Schüler und Arbeiter offenen „Gegenuniversität“ beginnen.
Nach Ablehnung durch den Akademischen Senat der FU fand am 17. und 18. Februar 1968 an der Berliner TU der Vietnamkongress mit einigen tausend Studenten statt. Die Abschlussdemonstration war mit mehr als zehntausend Teilnehmern die in der Bundesrepublik bis dahin größte deutsche Protestveranstaltung gegen den Vietnamkrieg. Dabei rief Dutschke zur massenhaften Desertion amerikanischer Soldaten und zur „Zerschlagung der NATO“ auf. Sein Plan, die polizeilich genehmigte Route zu verlassen und vor den amerikanischen Kasernen zu demonstrieren, wurde jedoch fallengelassen, da mit Schusswaffengebrauch der Wachsoldaten zu rechnen war.
Bei einer vom Berliner Senat organisierten „Pro-Amerika-Demonstration“ am 21. Februar 1968 trugen Teilnehmer Plakate mit der Aufschrift „Volksfeind Nr. 1: Rudi Dutschke“. Ein Passant wurde mit Dutschke verwechselt, Demonstrationsteilnehmer drohten ihn totzuschlagen.
Attentat
Am 11. April 1968 wurde Dutschke vor dem SDS-Büro von dem jungen Hilfsarbeiter Josef Bachmann angegriffen, der drei Schüsse auf ihn abfeuerte. Er erlitt lebensgefährliche Gehirnverletzungen und überlebte nur knapp nach einer mehrstündigen Operation. Heute erinnert eine Gedenktafel am Tatort vor dem Haus Kurfürstendamm 141 an das Attentat.
Bachmanns Motive wurden nie ganz aufgeklärt; man fand bei ihm ein Zeitungsfoto von Dutschke und die National Zeitung und vermutete daher rechtsextreme Hintergründe. Viele Studenten machten die Springerpresse für das Attentat verantwortlich, da diese zuvor monatelang gegen Dutschke und die demonstrierenden Studenten agitiert hatte. Die BILD z. B. hatte Tage zuvor zum „Ergreifen“ der „Rädelsführer“ aufgerufen. Bei den folgenden Protestkundgebungen kam es zu den bis dahin schwersten Ausschreitungen, bei denen auch das Gebäude des Springerverlags angegriffen und Auslieferungsfahrzeuge für seine Zeitungen angezündet wurden.
Dutschke eignete sich Sprache und Gedächtnis in monatelanger Sprachtherapie mühsam wieder an. Zur Genesung hielt er sich ab 1969 in der Schweiz, Italien und Großbritannien auf. Nach vorübergehender Ausweisung von dort durfte er 1970 ein Studium an der Universität Cambridge anfangen. Nach dem Regierungswechsel 1970 wurde seine Aufenthaltserlaubnis jedoch aufgehoben. Daraufhin zog er nach Dänemark, wo ihn die Universität von Århus als Soziologiedozenten anstellte.
Bachmann wurde wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt. Dutschke nahm brieflich Kontakt mit ihm auf, erklärte ihm, er habe keinen persönlichen Groll gegen ihn und versuchte, ihm ein sozialistisches Engagement nahezubringen. Bachmann beging jedoch am 24. Februar 1970 im Gefängnis Suizid. Dutschke bereute, ihm nicht öfter geschrieben zu haben: … der Kampf für die Befreiung hat gerade erst begonnen; leider kann Bachmann daran nun nicht mehr teilnehmen …
Spätzeit
Rudi Dutschke auf der Anti-AKW-Demonstration am 14. Oktober 1979 in BonnAb 1972 bereiste Dutschke wieder die Bundesrepublik. Er suchte Gespräche mit Gewerkschaftern und Sozialdemokraten, darunter Gustav Heinemann, dessen Vision eines blockfreien, entmilitarisierten Gesamtdeutschlands er teilte. Am 14. Januar 1973 redete er auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Bonn erstmals nach dem Attentat wieder öffentlich. Ab Juli besuchte er mehrmals Ost-Berlin und traf dort Wolf Biermann, mit dem er fortan befreundet blieb. Auch mit anderen SED-Dissidenten wie Robert Havemann und später Rudolf Bahro nahm er Kontakt auf.
1974 veröffentlichte er seine Dissertation und erhielt ein Jahr darauf ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der FU Berlin. Im Februar leitete er eine Podiumsdiskussion über „Solschenizyn und die Linke“, in der er für Menschenrechte in der Sowjetunion und im Ostblock eintrat. Seit 1976 war er Mitglied im Sozialistischen Büro, einer „undogmatischen“ linken Gruppe, die im Zerfall des SDS entstanden war. Hier engagierte er sich für den Aufbau einer Partei, die grün-alternative und linke Initiativen ohne die K-Gruppen vereinen sollte.
1977 wurde er freier Mitarbeiter verschiedener linksgerichteter Zeitungen und Gastdozent an der Universität Groningen in den Niederlanden. Er unternahm Vortragsreisen über die Studentenbewegung, nahm am „Internationalen Russell-Tribunal“ gegen Berufsverbote und an Großdemonstrationen der Atomkraftgegner in Wyhl am Kaiserstuhl, Bonn und Brokdorf teil.
Nachdem Bahro in der DDR zu acht Jahren Haft verurteilt worden war, organisierte und leitete Dutschke im November 1978 den Bahro-Solidaritätskongress in West-Berlin. 1979 wurde er Mitglied der Bremer Grünen Liste und beteiligte sich an ihrem Wahlkampf. Nach ihrem Einzug in das Stadtparlament wurde er zum Delegierten für den Gründungskongress der Partei Die Grünen gewählt.
Dutschke starb jedoch knapp drei Wochen vor dem Gründungskongress. Am 24. Dezember 1979 ertrank er in der heimischen Badewanne infolge eines epileptischen Anfalls, einer Spätfolge des Attentats. Am 3. Januar 1980 wurde er auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem feierlich beigesetzt. Der Theologe Martin Niemöller hatte ihm sein Grab überlassen, nachdem dort zunächst kein Grabplatz frei war.[3] Etwa 6000 Gäste begleiteten den Trauerzug, Helmut Gollwitzer hielt die Traueransprache.[4]
Dutschkes zweiter Sohn Rudi-Marek wurde 1980 in Dänemark geboren. Sein erster Sohn, 1968 geboren, erhielt den Namen Hosea-Che, seine Ende 1968 geborene Tochter wurde Polly-Nicole genannt[5]
Denken
Grundposition
Dutschke verstand sich seit seiner Jugendzeit als antiautoritärer demokratischer Sozialist. In seiner Studienzeit entwickelte er sich zu einem überzeugten revolutionären Marxisten, der sich in die weithin vergessenen libertären Traditionen der Arbeiterbewegung stellte und sich sowohl vom Reformismus wie vom Stalinismus abgrenzte.
Dutschkes Ziel war die „totale Befreiung der Menschen von Krieg, Hunger, Unmenschlichkeit und Manipulation“ durch eine „Weltrevolution“. Mit dieser radikalen Utopie knüpfte er an den christlichen Sozialismus seiner Jugend an, auch wenn er nicht mehr an einen persönlichen Gott glaubte. 1964 zum Karfreitag schrieb er in sein Tagebuch über „der Welt größten Revolutionär“:[6]
„Jesus Christus zeigt allen Menschen einen Weg zum Selbst – diese Gewinnung der inneren Freiheit ist für mich allerdings nicht zu trennen von der Gewinnung eines Höchstmaßes an äußerer Freiheit, die gleichermaßen und vielleicht noch mehr erkämpft sein will.“
1978 erklärte er bei einem Treffen mit Martin Niemöller:[7]
„Ich bin ein Sozialist, der in der christlichen Tradition steht. Ich bin stolz auf diese Tradition. Ich sehe Christentum als spezifischen Ausdruck der Hoffnungen und Träume der Menschheit.“
Ausdruck dafür waren die lebenslange Freundschaft zu Helmut Gollwitzer und der Doppelname seines ersten Sohnes „Hosea-Che“, der auf den biblischen Propheten Hosea und den argentinischen Guerilla-Kämpfer Che Guevara anspielte.
Ökonomische Analyse
Dutschke versuchte, die Marxsche „Kritik der politischen Ökonomie“ auf die Gegenwart anzuwenden und weiterzuentwickeln. Er sah das Wirtschafts- und Sozialsystem der Bundesrepublik als Teil eines weltweiten komplexen Kapitalismus, der alle Lebensbereiche durchdringe und die lohnabhängige Bevölkerung unterdrücke. Die soziale Marktwirtschaft beteilige das Proletariat zwar am relativen Wohlstand der fortgeschrittenen Industrieländer, binde es dadurch aber in den Kapitalismus ein und täusche es über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinweg.
Repräsentative Demokratie und Parlamentarismus waren daher für Dutschke Ausdruck einer „repressiven Toleranz“ (Herbert Marcuse), die die Ausbeutung der Arbeiter verschleiere und die Privilegien der Besitzenden schütze. Diese Strukturen sah er als nicht reformierbar an; sie müssten vielmehr in einem langwierigen, international differenzierten Revolutionsprozess umgewälzt werden, den er als „langen Marsch durch die Institutionen“ bezeichnete.
In der Bundesrepublik erwartete Dutschke nach dem Wirtschaftswunder eine Periode der Stagnation: Die Subventionierung unproduktiver Sektoren wie Landwirtschaft und Bergbau werde künftig nicht mehr finanzierbar sein. Der dadurch absehbare massive Abbau von Arbeitsplätzen im Spätkapitalismus werde eine Strukturkrise erzeugen, die den Staat zu immer tieferen Eingriffen in die Wirtschaft veranlassen und in einen „integralen Etatismus“ münden werde: Der Staat werde die Wirtschaft lenken, aber das Privateigentum formal beibehalten. Dieser Zustand sei nur mit Gewalt gegen die aufbegehrenden Opfer der Strukturkrise zu stabilisieren.
Im technischen Fortschritt sah Dutschke Ansatzpunkte für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung: Automatisierung, Computerisierung und Nutzung der Atomkraft zu friedlichen Zwecken ließen die Notwendigkeit der Lohnarbeit zunehmend wegfallen. Damit werde Arbeitszeit freigesetzt, die gegen das „System“ aktiviert werden könne. Für den nötigen Umsturz fehle der Bundesrepublik jedoch ein „revolutionäres Subjekt“. Gestützt auf Marcuses Der eindimensionale Mensch glaubte Dutschke, ein „gigantisches System von Manipulation“ stelle „eine neue Qualität von Leiden der Massen her, die nicht mehr aus sich heraus fähig sind, sich zu empören.“ Die deutschen Proletarier lebten verblendet in einem „falschen Bewusstsein“ und könnten die strukturelle Gewalt des kapitalistischen Staates daher nicht mehr unmittelbar wahrnehmen. Eine „Selbstorganisation ihrer Interessen, Bedürfnisse, Wünsche“ sei damit „geschichtlich unmöglich geworden“.
Antiautoritäre Provokation und antiimperialistische Gewalt Dutschke glaubte wie viele seiner Mitstreiter im SDS, der Vietnamkrieg der USA, die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik und die stalinistischen Bürokratien im Ostblock seien Teilaspekte der weltweiten autoritären Kapitalherrschaft über die entmündigten Völker.[8] Jedoch seien die Bedingungen für die Überwindung des weltweiten Kapitalismus in den reichen Industriestaaten und der „Dritten Welt“ verschieden. Anders als Marx es erwartete, werde die Revolution nicht im hochindustrialisierten Mitteleuropa beginnen, sondern von den verarmten und unterdrückten Völkern der „Peripherie“ des Weltmarkts ausgehen.
Im Vietnamkrieg sah Dutschke den Beginn dieser revolutionären Entwicklung, die auch auf andere Dritte-Welt-Länder übergreifen könne. Er bejahte ausdrücklich die Militärgewalt des Vietcong:[9]
„Dieser revolutionäre Krieg ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt von den Menschen abgeschafft wird.“
Dutschke teilte hier die antiimperialistische Theorie von Frantz Fanon im Anschluss an Lenin, wonach der von „revolutionärem Hass“ geleitete Befreiungskampf der Völker zuerst die „schwächsten Glieder“ in der Kette des Imperialismus zerreißen werde und dies unterstützt werden müsse: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams!
Dutschkes Aktionskonzept war seit 1965 jedoch nicht auf gewaltsamen Guerillakampf, sondern auf illegale Regelverletzung als subversive Aktion ausgerichtet:[10]
„Genehmigte Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich.“
Die „antiautoritären“ Protestformen der APO - Sitzstreiks, „Go-Ins“, Tomatenwürfe und „Pudding-Attacken“ auf Staatsbesucher und Herrschaftssymbole, Unterlaufen von Demonstrationsverboten, Verlassen vorgeschriebener Demonstrationsorte und -routen usw. - sollten den bürgerlichen Staat zwingen, seine „liberale Maske“ abzulegen und die Gewalt offen zu zeigen, die ihm strukturell inhärent sei. „Organisierte Irregularität“, also systematische Verstöße gegen die Regeln des bürgerlichen Staates sollten diesen zu gewalttätigen Reaktionen provozieren und über die Medienresonanz die Bevölkerung politisieren. Die „sinnliche Erfahrung“ dieser sonst „latenten“ staatlichen Gewalt und Aufklärung darüber sollten gemeinsam das „falsche Bewusstsein“ aufheben und die tatsächliche Unfreiheit zunächst bei den Akteuren, dann auch bei deklassierten Arbeitern und Arbeitslosen transparent machen. Der Revolutionär revolutioniere sich damit gleichsam selbst: Dies sei die „entscheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der Massen“.
Benno Ohnesorgs Erschießung entsetzte viele Menschen und verstärkte den Protest bundesweit. Dutschke wollte die Zuspitzung der Konfrontation mit dem Staat nutzen, um eine erfolgreiche Revolution herbeizuführen, deren objektive Bedingungen bereits vorlägen. Er sagte am 9. Juni 1967:[11]
„Die Entwicklungen der Produktivkräfte haben einen Prozeßpunkt erreicht, wo die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden ist. Alles hängt vom bewußten Willen der Menschen ab, ihre schon immer von ihnen gemachte Geschichte endlich bewußt zu machen, sie zu kontrollieren, sie sich zu unterwerfen...“
Zuvor hatte Jürgen Habermas bereits gemahnt:
„Diese Welt ist von Gewalt besessen, wie wir wissen. Aber die Befriedigung daran, durch Herausforderung die sublime Gewalt in manifeste Gewlat unzuwandeln, ist masochistisch, keine Befriedigung also, sondern Unterwerfung unter eben diese Gewalt.“
Nun ergänzte er: Die Revolution allein von der Entschlossenheit der Revolutionäre abhängig zu machen, statt wie Marx auf die Eigenentwicklung der Produktionsverhältnisse zu setzen, sei eine „voluntaristische Ideologie“. Das habe man 1848 „utopischen Sozialismus“ genannt, und er sehe darin heute die Tendenz zu einem „linken Faschismus“. Dutschkes Vorhaben werde Faschismustendenzen in Staat und Volk wecken, statt sie zu verringern.
Dutschke dagegen glaubte, nur disziplinierte und organisierte Gegenwehr könne die Staatsgewalt zurückdrängen und so Menschenleben retten:[12]
„H[abermas] will nicht begreifen, dass allein sorgfältige Aktionen Tote, sowohl für die Gegenwart als auch noch mehr für die Zukunft 'vermeiden' können. Organisierte Gegengewalt unsererseits ist der größte Schutz, nicht 'organisierte Abwiegelei' a la H[abermas]. Der Vorwurf der 'voluntaristischen Ideologie' ehrt mich.“
Am 21. Oktober 1967 konkretisierte er die Ziele dieser Gegenwehr:
„Die Durchbrechung der Spielregeln der herrschenden kap[italistischen] Ordnung führt nur dann zur manifesten Entlarvung des Systems als ‚Diktatur der Gewalt‘, wenn wir zentrale Nervenpunkte des Systems in mannigfaltiger Form (von gewaltlosen offenen Demonstrationen bis zu konspirativen Aktionsformen) angreifen (Parlament, Steuerämter, Gerichtsgebäude, Manipulationszentren wie Springer-Hochhaus oder SFB, Amerika-Haus, Botschaften der unterdrückten Nationen, Armeezentren, Polizeistationen u.a.m.).“
Dabei unterschied er Gewalt gegen Sachen von Gewalt gegen Personen; letztere lehnte er zwar nicht prinzipiell, aber für die bundesdeutsche Situation ab. Sprengstoffanschläge auf einen Sendemast des amerikanischen Soldatensenders AFN oder ein Schiff mit Versorgungsgütern für die US-Armee in Vietnam wurden damals erwogen und ansatzweise vorbereitet. Beide Ideen blieben unausgeführt, auch weil Verletzung von Personen nicht ausgeschlossen werden konnte.
In der Phase nach Ohnesorgs Tod radikalisierte Dutschke seine Überlegungen. Er sah in der NATO ein militärisches Instrument, um sozialrevolutionäre Bewegungen der Dritten Welt niederzuschlagen, und fürchtete, dass die Bundeswehr sich daran beteiligen könnte, weil Amerika dazu alleine zu schwach sein könnte. Auf die Frage von Günter Gaus im Dezember 1967 in einem Fernsehinterview[13], ob er notfalls auch selbst mit der Waffe in der Hand kämpfen würde, kündigte er für diesen Fall seine Beteiligung an bewaffneten Auseinandersetzungen in Deutschland an:
„Wäre ich in Lateinamerika, würde ich mit der Waffe in der Hand kämpfen. Ich bin nicht in Lateinamerika, ich bin in der Bundesrepublik. Wir kämpfen dafür, daß es nie dazu kommt, daß Waffen in die Hand genommen werden müssen. Aber das liegt nicht bei uns. Wir sind nicht an der Macht. Die Menschen sind nicht bewußt sich ihres eigenen Schicksals, und so, wenn 1969 der NATO-Austritt nicht vollzogen wird, wenn wir reinkommen in den Prozeß der internationalen Auseinandersetzung – es ist sicher, daß wir dann Waffen benutzen werden, wenn bundesrepublikanische Truppen in Vietnam oder in Bolivien oder anderswo kämpfen – daß wir dann im eigenen Lande auch kämpfen werden.“
In weiteren Interviews um die Jahreswende 1967/68 bekräftigte Dutschke, dass ein Kriegseinsatz von NATO-Truppen gegen Aufstände in der Dritten Welt Gegengewalt im eigenen Land nötig machen könne:[14]
„Wir dürfen […] von vornherein nicht auf eigene Gewalt verzichten, denn das würde nur einen Freibrief für die organisierte Gewalt des Systems bedeuten. [...]“
"...die Höhe unserer Gegengewalt bestimmt sich durch das Maß der repressiven Gewalt der Herrschenden.“
In diesem reziproken Sinn hielt er in der deutschen Situation damals weiterhin Aufklärung durch auch illegalen, aber gewaltfreien Protest für angemessen, keinen Guerillakrieg. Nach dem Attentat auf ihn hielt er diese Position durch, betonte nun aber stärker das ihm zugeschriebene Konzept vom „Marsch durch die Institutionen“. Im Rückblick sah er die Aufklärung durchaus als wirksam an:[15]
„Nach dem Vietnam-Kongress war der Höhepunkt der faschistoiden Tendenz bald beseitigt.“
Verhältnis zum Terrorismus
Dutschke grenzte sich als antiautoritärer Marxist stets von allen „Kader“-Konzepten ab, die sich von der Bevölkerung isolierten und deren Bewusstwerdung verhinderten. Ebenso ablehnend stand er auch dem „Individualterror“ gegenüber, den verschiedene linksradikale Gruppen wie die „Tupamaros Westberlin“ oder die Rote Armee Fraktion nach dem Zerfall des SDS seit 1970 verübten.
Am 9. November 1974 starb das RAF-Mitglied Holger Meins an einem Hungerstreik im Gefängnis. Bei seiner Beerdigung rief Dutschke mit erhobener Faust: „Holger, der Kampf geht weiter!“ Auf die heftige Kritik daran reagierte er nach dem Mord an Günter von Drenkmann mit einem Leserbrief an den „Spiegel“, in dem er erklärte:
„‚Holger, der Kampf geht weiter‘ – das heißt für mich, dass der Kampf der Ausgebeuteten und Beleidigten um ihre soziale Befreiung die alleinige Grundlage unseres politischen Handelns als revolutionäre Sozialisten und Kommunisten ausmacht. […] Die Ermordung eines antifaschistischen und sozialdemokratischen Kammer-Präsidenten ist aber als Mord in der reaktionären deutschen Tradition zu begreifen. Der Klassenkampf ist ein Lernprozess. Der Terror aber behindert jeden Lernprozess der Unterdrückten und Beleidigten.“
In einem Privatbrief an den späteren SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve vom 1. Februar 1975 erklärte Dutschke sein Auftreten an Meins’ Grab für zwar „psychologisch verständlich“, politisch aber „nicht angemessen reflektiert“.
Am 7. April 1977, dem Tag des Mordes an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, notierte er in sein Tagebuch:
„Der Bruch der linken Kontinuität im SDS, die verhängnisvollen Auswirkungen werden erkennbar. Was tun? Die sozialistische Partei wird immer unerlässlicher!“
Er sah nun eine Parteigründung links von der SPD als notwendige Alternative zum Terrorismus an.
Im Deutschen Herbst 1977 wurde vielen Linksintellektuellen vorgeworfen, sie hätten den „geistigen Nährboden“ der RAF geschaffen. In der „Zeit“ vom 16. September gab Dutschke den Vorwurf an die „herrschenden Parteien“ zurück und warnte vor den Folgen des Terrors:
„Der individuelle Terror ist der Terror, der später in die individuelle despotische Herrschaft führt, aber nicht in den Sozialismus.“
Dennoch griff ihn z.B. die Stuttgarter Zeitung vom 24. September des Jahres persönlich als Wegbereiter der RAF an:
„Es ist Rudi Dutschke gewesen, der […] gefordert hatte, das Konzept Stadtguerilla müsse hierzulande entwickelt und der Krieg in den imperialistischen Metropolen entfesselt werden.“
Dagegen meinte Dutschke, das Attentat auf ihn habe ein „geistiges, politisches und sozialpsychologisches Klima der Unmenschlichkeit“ hervorgerufen, [16] und betonte in einem Rückblick auf seine Entwicklung im Dezember 1978 nochmals:
„Individueller Terror […] ist massenfeindlich und antihumanistisch. Jede kleine Bürgerinitiative, jede politisch-soziale Jugend-, Frauen-, Arbeitslosen-, Rentner- und Klassenkampfbewegung […] ist hundertmal mehr wert und qualitativ anders als die spektakulärste Aktion des individuellen Terrors.“
– „Gekrümmt vor dem Herrn…“ S. 57
Verhältnis zum Realsozialismus
Für Dutschke waren Demokratie und Sozialismus untrennbar miteinander verbunden. Die Verfügung der Arbeiter über die Produktionsmittel sollte das Erbe der Französischen Revolution, die Bürgerrechte, bewahren und die freie Entfaltung des Individuums ermöglichen und erweitern.
Deshalb grenzte er sich seit 1956 gegen den Leninismus der Sowjetunion und der von ihr beherrschten Staaten ab. Er sah diesen als doktrinäre Entartung des genuinen Marxismus zu einer neuen „bürokratischen“ Herrschaftsideologie. Er forderte und erwartete seit dem 17. Juni 1967 auch im Ostblock eine durchgreifende Revolution zu einem selbstbestimmten Sozialismus. Im SDS setzte er sich intensiv mit den DDR-Sympathisanten und „Traditionalisten“ und ihrem an Lenins Konzept einer Kaderpartei angelehnten Revolutionsverständnis auseinander. Ein Stasispitzel im SDS meldete daraufhin in das Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin, Dutschke vertrete „eine völlig anarchistische Position“; ein anderer IM meldete: „Dutschke spricht ausschließlich vom Scheißsozialismus in der DDR.“
Den Prager Frühling begrüßte Dutschke vorbehaltlos. Nach dessen Niederschlagung übte er Selbstkritik, weil der SDS mit der FDJ gegen den Vietnamkrieg zusammengearbeitet hatte:[17]
„Sind wir gar einem riesigen Fremd- und Eigenbetrug anheimgefallen? […] Warum geht eine SU (ohne Sowjets), die sozialrevolutionäre Bewegungen in der Dritten Welt unterstützt, imperialistisch gegen ein Volk vor, welches selbständig unter Führung der kommunistischen Partei die demokratisch-sozialistische Initiative ergriff? […] Ohne Klarheit an dieser Ecke ist ein sozialistischer Standpunkt der konkreten Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Echtheit unmöglich, werden gerade die Unterdrückten, Ausgebeuteten und Beleidigten in der BRD und der DDR im besonderen nicht bereit sein, über Lohnkämpfe hinaus in den politischen Klassenkampf einzusteigen.“
Eine Zeit lang begrüßte Dutschke Mao Zedongs Kulturrevolution wie auch die Roten Khmer unter Pol Pot als Beitrag zur erhofften Entbürokratisierung des Staatskommunismus und zur Überwindung der „Asiatischen Produktionsweise“. Doch schon 1968 grenzte er sich unter dem Einfluss von Ernest Mandel vom Maoismus ab. Von den nun entstehenden K-Gruppen, die sich kritiklos an die Volksrepublik China oder Albanien anlehnten, distanzierte er sich ebenfalls.
Dutschkes 1974 veröffentlichte Dissertation „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“ erklärte die Ursachen der sowjetisch-chinesischen Fehlentwicklung im Gefolge Karl August Wittfogels mit der marxistischen Gesellschaftsanalyse. Er vertrat hier die Ansicht, dass die Voraussetzungen für eine sozialistische Revolution in Russland nie bestanden hätten, und nahm stattdessen eine ungebrochene Kontinuität der „asiatischen Despotie“ von Dschingis Khan bis zu Stalins Zwangskollektivierung und Zwangsindustrialisierung an. Während Lenin 1905 noch für die Entfaltung des Kapitalismus in Russland plädiert habe, damit dort eine echte Arbeiterklasse heranwachsen könne, sei schon sein „Oktoberputsch“ von 1917 als Rückfall in die „allgemeine Staatssklaverei“ anzusehen. Die Entwicklung zu Stalin sei logische Folge von Lenins Parteien- und Fraktionsverbot gewesen. Stalins Versuch, die Produktivität der Sowjetunion durch brutale Zwangsindustrialisierung zu steigern, habe ihre Abhängigkeit vom kapitalistischen Weltmarkt nie beseitigen können. Er habe nur einen neuen Imperialismus hervorgebracht, so dass militärische Unterstützung von Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und Unterdrückung von selbstbestimmten Sozialismusversuchen im Ostblock eine logische Einheit darstellten.
Der Stalinismus sei manifester „Anti-Kommunismus“, der eine „Monopolbürokratie“ geschaffen habe, die nicht minder aggressiv sei als die „Monopolbourgeoisie“, die Stalin für den deutschen Faschismus verantwortlich machte. Somit sei es kein Zufall, dass seine Gulags und Konzentrationslager nach 1945 nicht verschwunden, sondern aufrecht erhalten worden seien. Diesen systembedingten, nicht als „Entartung“ der Politik Lenins zu begreifenden Charakter der Sowjetunion hätten auch Leo Trotzki, Bucharin, Karl Korsch, Rudolf Bahro, Jürgen Habermas und andere marxistische Kritiker und Analytiker nicht voll erkannt.
Der isolierte „Sozialismus in einem Land“ sei eine „antidynamische Sackgassenformation“, die sich nur noch durch Kredite und Importe aus dem Westen am Leben erhalten könne. Alle ihre scheinbaren inneren Reformanläufe seit Chrustschow und dem 20. Parteitag der KPdSU von 1956 seien nur Mittel zum Überleben der ZK-Bürokratie gewesen:[18]
„Von pseudo-linker, gutgemeinter moralisch-romantischer Position kann man es gutheißen, Produktionsweisen zu 'überspringen', mit einem sozialistischen Standpunkt hatte (und hat) die Moskauer Position desgleichen wie die Pekinger nie etwas zu“
Aufgrund dieser eindeutigen Haltung galt Dutschke der Stasi bis zum Ende der DDR 1990 als Autor jenes „Manifests des Bundes Demokratischer Kommunisten“, das „Der Spiegel“ im Januar 1978 veröffentlichte. Es forderte wie seine Dissertation den Übergang von der asiatischen Produktionsweise des bürokratischen „Staatskapitalismus“ zur sozialistischen Volkswirtschaft, von der Einparteiendiktatur zu Parteienpluralismus und Gewaltenteilung. Erst 1998 stellte sich Hermann von Berg, ein Leipziger SED-Dissident, als Autor heraus.[19]
Verhältnis zum Parlamentarismus
Dutschke lehnte die repräsentative Demokratie in den sechziger Jahren ab, weil er das Parlament nicht als Volksvertretung ansah. In einem Fernsehinterview erklärte er am 3. Dezember 1967:
„Ich halte das bestehende parlamentarische System für unbrauchbar. Das heißt, wir haben in unserem Parlament keine Repräsentanten, die die Interessen unserer Bevölkerung – die wirklichen Interessen unserer Bevölkerung – ausdrücken. Sie können jetzt fragen: Welche wirklichen Interessen? Aber da sind Ansprüche da. Sogar im Parlament. Wiedervereinigungsanspruch, Sicherung der Arbeitsplätze, Sicherung der Staatsfinanzen, in Ordnung zu bringende Ökonomie, all das sind Ansprüche, die muss aber das Parlament verwirklichen. Aber das kann es nur verwirklichen, wenn es einen kritischen Dialog herstellt mit der Bevölkerung. Nun gibt es aber eine totale Trennung zwischen den Repräsentanten im Parlament und dem in Unmündigkeit gehaltenen Volk.“
Um diese Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten zu überwinden, sprach er sich für eine Räterepublik aus, die er in West-Berlin vorbildhaft aufbauen wollte. Wie in der Pariser Kommune sollten sich auf der Basis selbstverwalteter Betriebe Kollektive von höchstens dreitausend Menschen bilden, um ihre Angelegenheiten im herrschaftsfreien Diskurs, mit Rotationsprinzip und imperativem Mandat ganzheitlich selbst zu regeln. Polizei, Justiz und Gefängnisse würden dann überflüssig. Auch werde man nur fünf Stunden täglich arbeiten müssen.
„Früher war der Betrieb die Ebene, wo das Leben totgeschlagen wurde. Indem die Fabrik unter eigene Kontrolle genommen wird, kann sich in ihr Leben entfalten. Arbeit kann dann Selbsterzeugung des Individuums bedeuten statt Entfremdung.“
Als Keimzellen solcher Kollektive schlug er politische „Aktionszentren“ vor, die das studentische Milieu mit der Lebenswelt der Arbeiter vermitteln und andere Formen des Zusammenlebens ausprobieren sollten. Dies fand er später in den Bürgerinitiativen, der Alternativ- und Ökologiebewegung teilweise realisiert.
Vor wie nach dem Attentat grenzte er sich von fast allen bestehenden Parteien ab und suchte ständig nach neuen, unmittelbar wirksamen Aktionsformen. Zugleich fand er im italienischen Eurokommunismus Geistesverwandte und erwog schon früh die Gründung einer neuen Linkspartei. Doch seine Skepsis gegen eine verselbständigte „revisionistische“ Partei-Elite überwog.
Seit 1976 engagierte Dutschke sich für den Aufbau einer ökosozialistischen Partei, die die neuen außerparlamentarischen Bewegungen bündeln und parlamentarisch wirksam werden lassen sollte. Ab 1978 setzte er sich mit anderen für eine grünalternative Liste ein, die an den kommenden Europawahlen teilnehmen sollte. Im Juni 1979 gewann Joseph Beuys ihn für gemeinsame Wahlkampfauftritte. Mit seinem Eintritt in die Grüne Liste Bremens, die als erster grüner Landesverband die Fünf-Prozent-Hürde übersprang, hatte er sich schließlich dem Parlamentarismus zugewandt.
Auf dem Programmkongress der Grünen in Offenbach am Main trat Dutschke in Verbindung mit der „Deutschen Frage“ für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen und damit für ein Widerstandsrecht gegen die Militärblöcke in West wie Ost ein. Dieses Thema warf sonst niemand auf, da es der strikten Gewaltfreiheit widersprach, auf die sich die Mehrheit dann festlegte: Die Grünen verstanden sich damals als streng pazifistische Antiparteienpartei.[20]
Verhältnis zur Deutschen Einheit
Die deutsche Teilung war für Dutschke schon seit seiner DDR-Jugend ein Anachronismus, da beide deutschen Teilstaaten das Erbe des Faschismus erst noch zu überwinden hätten. Die Berliner Mauer versuchte er am 14. August 1961 einzureißen und wurde dafür in West-Berlin inhaftiert.
Dutschkes nach dem 17. Juni 1967 entworfenes, damals kaum beachtetes Modell einer „befreiten Räterepublik Berlin“ sollte auf Ostdeutschland ausstrahlen und Vorbild einer künftigen gesamtdeutschen Basisdemokratie werden:
„Wenn sich Westberlin zu einem neuen Gemeinwesen entwickeln sollte, würde das die DDR vor eine Entscheidung stellen: entweder Verhärtung oder wirkliche Befreiung der sozialistischen Tendenzen in der DDR. Ich nehme eher das letztere an.“
Er bejahte die Deutsche Wiedervereinigung, die die westdeutsche Linke damals fast einhellig ablehnte, „als revolutionäres Kettenglied des Angriffs gegen Spätkapitalismus und Revisionismus“ und somit als integralen Bestandteil einer erfolgreichen sozialistischen Revolution in beiden deutschen Teilstaaten.
So wie er etwa den Vietnamkrieg als „nationale Befreiung“ vom Imperialismus begrüßte, so sah er die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs anzustrebende sozialistische Revolution als notwendige Stärkung des Selbstbewusstseins der Deutschen gegen die Fremdbestimmung von außen. Diese sollte den Rückfall in alten Nationalismus langfristig gerade verhindern.
Bernd Rabehl versuchte in seiner von der Fachwelt meist abgelehnten Biografie, seinen früheren Mitstreiter als Vertreter einer „nationalen Revolution“ zu vereinnahmen. Dem widersprach Gretchen Klotz energisch:[21]
„Rudi wollte die Unterwürfigkeit als Persönlichkeitsmerkmal einer deutschen Identität abschaffen. […] Er kämpfte für ein antiautoritäres, demokratisches, vereintes Deutschland in einer antiautoritären, demokratischen und sozialistischen Welt. Er war kein 'Nationalrevolutionär', sondern ein internationalistischer Sozialist, der im Gegensatz zu anderen begriffen hatte, dass es politisch falsch ist, die nationale Frage zu ignorieren. […] Er suchte etwas ganz Neues, das nicht anschloss an die autoritäre, nationalchauvinistische deutsche Vergangenheit. Wer Rudi anders interpretiert, verfälscht seine Ideen.“
Aktuelle Diskussion
Rudi Dutschkes hat ein Ehrengrab auf dem Kirchhof der St. Annen-Gemeinde in Berlin-Dahlem.
Verhältnis zu Gewalt
Nicht nur für konservative Gegner, sondern auch für traditionelle Marxisten stellte Dutschke eine Reizfigur dar.[22] Heute wird sein Denken und Handeln besonders in Bezug auf sein Verhältnis zu Gewalt erneut kontrovers diskutiert. Umstritten ist nach wie vor sein auf Guevara gestütztes Konzept der „Stadtguerilla“, das er seit 1966 entwickelte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar sieht darin die theoretische Fundierung des Terrorismus, wie ihn die RAF später ausübte. Er zeigt anhand vieler, teilweise unveröffentlichter Aussagen Dutschkes, das Konzept sei kein „Verfalls- und Verzweiflungsprodukt der 68er-Bewegung“, sondern feste Begründung ihrer Aktionen gewesen. So hieß es im „Organisationsreferat“, das Dutschke mit Hans-Jürgen Krahl verfasst und am 5. September 1967 beim Bundeskongress des SDS in Frankfurt a.M. vorgetragen hatte:[23]
„Die ‚Propaganda der Schüsse‘ (Che Guevara) in der ‚Dritten Welt‘ muss durch die ‚Propaganda der Tat‘ in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerillatätigkeit geschichtlich möglich macht. Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.“
Die „Frankfurter Rundschau“' folgerte, „dass Dutschke propagierte, was Baader und die RAF praktizierten“. Der Journalist Richard Herzinger wirft ihm und seinen Genossen vom SDS heute vor:
„Indem sich die 68er dieser todessüchtigen Gewaltideologie des Trikont-Propheten Che Guevara anschlossen, verlangten sie also nicht nach weniger, sondern nach mehr Krieg, nicht nach weniger, sondern nach mehr Opfern.“
Worin genau die von Dutschke geforderte „Irregularität“ bestehen sollte, ist jedoch mehrdeutig. Seine Witwe Gretchen Dutschke-Klotz und andere sehen hier gezielte konfrontative, aber nicht gewaltsame Regelverstöße zur Erweiterung demokratischer Handlungsspielräume. Sie schrieb dazu am Montag, dem 8. August 2005, in der taz:
„Wenn Rudis Theorien zum Baader-Meinhof-Terrorismus geführt haben, dann hat Thomas Jefferson auch Osama Bin Laden inspiriert.“
Wegen solcher Aussagen werfen manche deutsche Historiker ihr heute eine „Pflege des Mythos Dutschke“ vor.[24]
Gegenwartsbedeutung
Für Ralf Dahrendorf haben Dutschkes theoretische Entwürfe und gesellschaftswissenschaftliche Forschungen heute keine öffentliche Bedeutung:
Er war ein konfuser Kopf, der keine bleibenden Gedanken hinterlassen hat. Worauf man zurückblickt, ist die Person: ein anständiger, ehrlicher und vertrauenswürdiger Mann. Aber ich wüsste niemand, der sagen würde: Das war Dutschkes Idee, die müssen wir jetzt verfolgen.[25]
Straßenumbenennung
Am 30. April 2008 wurde ein Teil der Kochstraße in Berlin offiziell in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt. Sie grenzt direkt an die Axel-Springer-Straße.[26] Um die Umbenennung gab es ab 2005 einen öffentlich ausgetragenen Konflikt. Mehrere Klagen von Anwohnern sowie vom in der Kochstraße ansässigen Axel Springer Verlag blieben erfolglos.[27]
Film
Das ZDF produziert seit April 2008 einen Fernsehfilm über das Leben des Studentenführers ab 1964. Die Hauptrolle spielt Christoph Bach, Regisseur ist Stefan Krohmer, Drehbuchautor ist Daniel Nocke. Der Film soll dokumentarische Elemente, Originalaufnahmen und Interviewpassagen von Dutschke enthalten und im Herbst 2008 gezeigt werden.[28]
Werke
Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben – Die Tagebücher 1963–1979.[29] Hrsg. v. Gretchen Dutschke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, ISBN 3462032240
Rudi Dutschke: Geschichte ist machbar. Texte über das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens. Hrsg. von Jürgen Miermeister. Klaus Wagenbach, Berlin 1991, ISBN 3803121981.
Rudi Dutschke: Lieber Genosse Bloch … – Briefe Rudi Dutschkes an Karola und Ernst Bloch. Hrsg. von Karola Bloch und Welf Schröter. Talheimer Verlag, Mössingen 1988, ISBN 3893760016
Rudi Dutschke: Aufrecht gehen – Eine fragmentarische Autobiographie. Herausgegeben von Ulf Wolter, eingeleitet von Gretchen Dutschke-Klotz, Bibliographie: Jürgen Miermeister, Olle und Wolter, Berlin 1981, ISBN 3883954276, Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg, auszugsweise über das „Spiegel“ Archiv erhältlich. [[1]] Schwedische Ausgabe bei Symposion, 1983, ISBN 91-7696-025-0
Rudi Dutschke: Mein langer Marsch. Reden, Schriften und Tagebücher aus zwanzig Jahren Hrsg. von Gretchen Dutschke-Klotz, Helmut Gollwitzer und Jürgen Miermeister. Rowohlt, Reinbek 1980, ISBN 3499147181
Fritz J. Raddatz (Hrsg.): Warum ich Marxist bin. Kindler, München 1978, S. 95–135, ISBN 3463007185
Rudi Dutschke: Gekrümmt vor dem Herrn, aufrecht im politischen Klassenkampf: Helmut Gollwitzer und andere Christen. In: Andreas Baudis u.a. (Hrsg.): Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Für Helmut Gollwitzer zum 70. Geburtstag. Christian Kaiser, München 1978, S. 544–577, ISBN 3459011866
Rudi Dutschke / Manfred Wilke (Hrsg.):Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke, Rowohlt, Reinbek 1975
Frank Böckelmann, Herbert Nagel (Hrsg.): Subversive Aktion. Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern. Neue Kritik, Frankfurt am Main 1976, 2002, ISBN 3-8015-0142-6
Rudi Dutschke: Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus. Klaus Wagenbach, Berlin 1974, 1984, ISBN 3-8031-3518-4
Rudi Dutschke: Zur Literatur des revolutionären Sozialismus von K. Marx bis in die Gegenwart. sds-korrespondenz sondernummer. Berlin 1966, Paco Press, Amsterdam 1970 (diverse Reprints), ISBN 3-929008-93-9
Uwe Bergmann, Rudi Dutschke, Wolfgang Lefèvre, Bernd Rabehl: Rebellion der Studenten oder die neue Opposition. Eine Analyse. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968.
Rudi Dutschke: Wider die Päpste. Über die Schwierigkeiten, das Buch von Bahro zu diskutieren. Ein offener Brief an den Stasi Chef; in Ulf Wolter (Hrsg.): Antworten auf Bahros Herausforderung des realen Sozialismus; Berlin: Olle & Wolter, 1978, ISBN 3-921241-51-0; engl. Ausgabe, USA, M.E.Sharpe, 1980, ISBN 978-0-87332-159-4; Books on Demand, ProQuest/AstroLogos, ISBN 978-0-7837-9935-3, 2007, Ulf Wolter (Hrsg.), Rudolf Bahro, Critical Responses mit Beiträgen von Marcuse, Pelikan, Lombardo Radice u.a.
Literatur
Ulrich Chaussy: Die drei Leben des Rudi Dutschke. Eine Biographie; Zürich: Pendo, 1999 (19831), ISBN 3-85842-532-X.
Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke – Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben.[30] Eine Biographie; Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1996, ISBN 3-462-02573-2.
Michaela Karl: Rudi Dutschke – Revolutionär ohne Revolution; Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik, 2003, ISBN 3-8015-0364-X.
Wolfgang Kraushaar: Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf; in: Karin Wieland, Jan Philipp Reemtsma (Hrsg.): Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF; Hamburg: Hamburger Edition, 2005, ISBN 3-936096-54-6.
Gerd Langguth: Mythos ‘68 – Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke – Ursachen und Folgen der Studentenbewegung; München: Olzog, 2001, ISBN 3-7892-8065-8.
Gerd Langguth: Propaganda der Tat – Wer war Rudi Dutschke; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. November 2006, Nr. 265, S. 7.
Jürgen Miermeister: Ernst Bloch. Rudi Dutschke; Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1998, ISBN 3-434-50207-6.
Jürgen Miermeister: Rudi Dutschke; Rororo Bildmonographien; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986 (und weitere Auflagen), ISBN 3-499-50349-2.
Bernd Rabehl: Rudi Dutschke – Revolutionär im geteilten Deutschland, Edition Antaios, Dresden 2002, ISBN 3-935063-06-7.
Rainer Rappmann (Hrsg.): Denker, Künstler, Revolutionäre – Beuys, Dutschke, Schilinski, Schmundt – Vier Leben für Freiheit, Demokratie u. Sozialismus, FIU-Verlag, Wangen 1996, ISBN 3-928780-13-1
Einzelnachweise [Bearbeiten]↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke, a.a.O. S. 58-63
↑ Zeitzeugenbericht dazu: Eckhard Siepmann: Drei Kugeln auf Dutschke
↑ Kerstin Hack: Radikalleben in Berlin
↑ Grab von Rudi Dutschke (1940–1979), St. Annen Kirchhof, Dahlem-Dorf
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke, a.a.O. S. 172f, 227, 459 u.ö.
↑ Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu Leben, Tagebücher 1963–1979, 27. März 1964, S. 20
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Rudi Dutschke – Eine Biographie S. 429
↑ Kai Hermann, S.69
↑ Ernesto Che Guevara: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam, hrsg. und übersetzt von Gaston Salvatore & Rudi Dutschke, Oberbaumpresse, Berlin 1967, ISBN 3926409215 (Vorwort; siehe Einleitung zu CHE GUEVARA)
↑ zitiert nach Michael Frey: Der 2. Juni 1967 - Beginn der Studentenrevolte. Wie es zum Ausbruch kommen konnte (Magisterarbeit an der Ruhruniversität Bochum, 7. Januar 2002)
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Wir hatten ein barbarisches, schönes Leb. Rudi Dutschke, a.a.O. S. 135f
↑ Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben, 10. Juni 1967, S. 45
↑ [http://www.rbb-online.de/_/zurperson/interview_jsp/key=zp_interview_638373.html Günter Gaus im Fernsehinterview mit Rudi Dutschke, gesendet im Ersten Deutschen Fernsehen am 3. Dezember 1967 in der Sendereihe „Zu Protokoll“)]
↑ zitiert nach Gerd Langguth: Rudi Dutschke stand für Gewalt (Tagesspiegel, 26. Januar 2005)
↑ Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979, btb, 1. Auflage 2005, S. 189 (Tagebucheintrag 4. März 1974)
↑ Nachlass, 2. August 1978
↑ Rudi Dutschke: Warum ich Marxist bin – doch Marx sagte: „Ich bin kein Marxist“ (Hrsg. Fritz J. Raddatz) S. 105
↑ Rudi Dutschke: Warum ich Marxist bin, S. 130
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke; S. 424f
↑ Gretchen Dutschke-Klotz, a.a.O.; S. 472f
↑ Rudi Dutschke: Tagebücher 1963–1979; Nachwort Gretchen Dutschke-Klotz, S. 400
↑ Michaela Karl: Rudi Dutschke. Revolutionär ohne Revolution Verlag: Neue Kritik (Oktober 2003) online Buchvorstellung
↑ Gretchen Dutschke-Klotz, a.a.O. S. 151
↑ Pavel A. Richter (Universität Bielefeld): Rezension der Dutschke-Biografie von Gretchen Dutschke-Klotz für H-Soz-u-Kult
↑ Interview mit Ralf Lord Dahrendorf in der taz vom 5./6. April 2008, tazmag, S. II: Der Minirock wurde nicht 1968 erfunden
↑ 40 Jahre nach der Revolte hat Berlin eine Rudi-Dutschke-Straße
↑ Spiegel Online: Hinterbliebene weihen Rudi-Dutschke-Straße ein, 30. April 2008.
↑ Der Spiegel, 20. Februar 2008: 68er Film: Christoph Bach spielt Rudi Dutschke
↑ buechernachlese.de.vu Rezension von Ulrich Karger zu Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben – Die Tagebücher 1963–1979
↑ buechernachlese.de.vu Rezension von Ulrich Karger zu Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke – Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben
(* 7. März 1940 als Alfred Willi Rudi Dutschke in Schönefeld bei Luckenwalde; † 24. Dezember 1979 in Århus, Dänemark), war ein deutscher marxistischer Soziologe. Er gilt als bekanntester Wortführer der westdeutschen und West-Berliner Studentenbewegung der 1960er Jahre.
Dutschke war mit Gretchen Dutschke-Klotz verheiratet, mit der er drei Kinder hatte. Er starb an den Spätfolgen eines Attentats, bei dem er schwere Hirnverletzungen davongetragen hatte.
Leben
Jugend und Studium
Rudi Dutschke, vierter Sohn eines Postbeamten, verbrachte seine Jugendjahre in der DDR. Er war in der evangelischen Jungen Gemeinde von Luckenwalde aktiv, wo er seine „religiös sozialistische“ Grundprägung erhielt. Als Leistungssportler (Zehnkampf) wollte er zunächst Sportreporter werden und trat deshalb 1956 in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein.
Durch den Ungarischen Volksaufstand im selben Jahr wurde Dutschke politisiert. Er ergriff Partei für einen Demokratischen Sozialismus, der sich gleichermaßen von den USA und der Sowjetunion distanzierte. Der SED stand er ebenfalls ablehnend gegenüber. Im Gegensatz zum antifaschistischen Anspruch ihrer Staatsideologie sah er die alten Strukturen und Mentalitäten im Osten ebenso fortdauern wie im Westen.
1957 trat er öffentlich gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft und für Reisefreiheit ein. Er verweigerte den (damals freiwilligen) Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee und rief andere dazu auf, es ihm gleich zu tun. Nach seinem Abitur 1958 und nochmals nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann in einem Luckenwalder Volkseigenen Betrieb verwehrten die DDR-Behörden ihm daher das gewünschte Sportstudium.
Daraufhin pendelte Dutschke regelmäßig nach West-Berlin und wiederholte dort zunächst sein Abitur am Askanischen Gymnasium Berlin, da ein DDR-Abitur im Westen nicht als Hochschulreife anerkannt wurde. Nebenher schrieb er Sportreportagen, unter anderem für die B.Z. aus dem Axel-Springer-Verlag. 1961, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, siedelte er nach West-Berlin über, um Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft an der Freien Universität (FU) zu studieren. Ihr blieb er bis zu seiner Promotion 1973 verbunden.
Zunächst studierte Dutschke den Existentialismus Martin Heideggers und Jean-Paul Sartres, bald aber auch Marxismus und die Geschichte der Arbeiterbewegung: Er las die Frühschriften von Karl Marx, Werke der marxistischen Geschichtsphilosophen Georg Lukács und Ernst Bloch sowie der Kritischen Theorie (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse). Angeregt durch die Begegnung mit der US-amerikanischen Theologiestudentin Gretchen Klotz – seiner späteren Frau – las er auch Werke von Theologen wie Karl Barth und Paul Tillich. Aus seinem christlich geprägten wurde nun ein marxistisch fundierter Sozialismus. Dabei betonte er jedoch immer die Entscheidungsfreiheit des Individuums gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen.
Studentenbewegung
Dutschke verband sein Studium schon früh mit praktischem Engagement. So gab er etwa die Zeitschrift Anschlag heraus, in der Kritik am Kapitalismus, die Probleme der Dritten Welt und neue politische Organisationsformen thematisiert wurden. Das Blatt galt wegen seiner „aktionistischen“ Ausrichtung im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) damals als „anarchistisch“.
1962 gründete Dutschke mit Bernd Rabehl eine Berliner Gruppe der Münchner „Subversiven Aktion“, die sich als Teil der Situationistischen Internationale verstand. Im Dezember 1964 organisierte er mit einem Dritte-Welt-Kreis eine Demonstration gegen den Staatsbesuch des kongolesischen Diktators Moise Tschombé, an der auch der Berliner SDS teilnahm. Im Januar 1965 nahm dieser Dutschke und seine Gruppe auf. Im Februar 1965 wählte er Dutschke in seinen politischen Beirat, so dass dieser die politische Richtung fortan mitbestimmte.[1]
Ab 1966 organisierte Dutschke mit dem SDS zahlreiche Demonstrationen für Hochschulreformen, gegen die Große Koalition, die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg. Die wachsende Studentenbewegung verknüpfte diese Themen und die Kritik an der mangelnden Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit miteinander und verstand sich nun als Teil einer Außerparlamentarischen Opposition (APO).
Am 23. März 1966 heiratete Dutschke Gretchen Klotz. Im Mai bereitete er den bundesweiten Vietnamkongress in Frankfurt am Main mit vor. Hauptreferate dort hielten bekannte Professoren der „Neuen Linken“ (u.a. Herbert Marcuse, Oskar Negt) und der eher „traditionalistischen“ Linken außerhalb der SPD (Frank Deppe, Wolfgang Abendroth).
In jenem Jahr wollte Dutschke mit einer Arbeit über Lukács bei Professor Hans-Joachim Lieber, dem damaligen Rektor der FU, promovieren. Nach Auseinandersetzungen um das politische Mandat des Berliner AStA und die Nutzung von Universitätsräumen für Aktionen gegen den Vietnamkrieg verlängerte Lieber Dutschkes Assistentenvertrag an der FU Berlin nicht. Damit schied eine akademische Laufbahn für ihn vorerst aus.
Nachdem ein Polizist am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen hatte, riefen Dutschke und der SDS bundesweit zu Sitzblockaden auf, um die Aufklärung der Todesumstände zu erzwingen. Zudem forderten sie den Rücktritt der Verantwortlichen für den Polizeieinsatz und die Enteignung des Verlegers Axel Springer. Die Studenten machten die kampagnenartige Berichterstattung der Zeitungen seines Verlags für Ohnesorgs Tod mitverantwortlich. Ihre Sicht wurde nun auch erstmals von etablierten Medien – dem Spiegel, der Frankfurter Rundschau und der Zeit – aufgegriffen. Jedoch solidarisierten sich nur wenige Professoren, darunter Dutschkes Freund Helmut Gollwitzer, mit den protestierenden Studenten.
Podiumsdiskussionen und Interviews, u.a. mit Rudolf Augstein, Ralf Dahrendorf und Günter Gaus, machten Dutschke nun auch bundesweit bekannt. Wichtiger war ihm jedoch der Kontakt zu jungen Arbeitern. Dies zeigte er z.B. bei einem im Februar 1968 von Jungsozialisten im Ruhrgebiet organisierten Streitgespräch mit Johannes Rau zum Thema: „Sind wir Demokraten?“ Auf für ihn typische antiautoritäre Art zeigte sich Dutschke unangepasst und respektlos, redete Rau als „Genosse“ an, kritisierte parlamentarische Rituale und Institutionen und forderte eine „Einheitsfront von Arbeitern und Studenten“. Dieses Ziel behinderte er jedoch häufig selbst durch seine akademisch-soziologische Ausdrucksweise und seinen intellektuellen Habitus.
Sein Auftreten polarisierte die Öffentlichkeit; er erfuhr zunehmend auch Ablehnung und Hass. Die Zeitungen des Springerverlags und viele Regionalzeitungen setzten ihn – wie die 68er insgesamt, als deren Symbolfigur er nun galt – u.a. mit Hinweisen auf sein „ungepflegtes Äußeres“ und seine DDR-Herkunft herab. Als er bei einem „Go-in“ im Weihnachtsgottesdienst 1967 der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche versuchte, eine Diskussion über den Vietnamkrieg herbeizuführen, schlug ein wütender Gottesdienstbesucher ihn nieder und verletzte ihn.[2]
Im Zusammenhang vieler damaliger Bildungsreformanläufe hatte Dutschke eine „Kritische Universität“ an der FU West-Berlins mit vorbereitet. Im Wintersemester 1967/68 führten etwa 400 West-Berliner Studenten in Eigenregie 33 Arbeitskreise durch. Sie befassten sich überwiegend mit Fragen der Hochschulreform und mit Berufschancen für Akademiker in der arbeitsteiligen Gesellschaft; zwei Arbeitskreise thematisierten „Wirtschaftskrise und Sozialpolitik in Westberlin“ oder „Rechtsstaat und Demokratie in Deutschland“. Sie sollten nach dem Vorbild ähnlicher Versuche an den Universitäten von Berkeley und Paris eigene Vorstellungen basisdemokratischen Lernens umsetzen und mit dem Aufbau einer für Schüler und Arbeiter offenen „Gegenuniversität“ beginnen.
Nach Ablehnung durch den Akademischen Senat der FU fand am 17. und 18. Februar 1968 an der Berliner TU der Vietnamkongress mit einigen tausend Studenten statt. Die Abschlussdemonstration war mit mehr als zehntausend Teilnehmern die in der Bundesrepublik bis dahin größte deutsche Protestveranstaltung gegen den Vietnamkrieg. Dabei rief Dutschke zur massenhaften Desertion amerikanischer Soldaten und zur „Zerschlagung der NATO“ auf. Sein Plan, die polizeilich genehmigte Route zu verlassen und vor den amerikanischen Kasernen zu demonstrieren, wurde jedoch fallengelassen, da mit Schusswaffengebrauch der Wachsoldaten zu rechnen war.
Bei einer vom Berliner Senat organisierten „Pro-Amerika-Demonstration“ am 21. Februar 1968 trugen Teilnehmer Plakate mit der Aufschrift „Volksfeind Nr. 1: Rudi Dutschke“. Ein Passant wurde mit Dutschke verwechselt, Demonstrationsteilnehmer drohten ihn totzuschlagen.
Attentat
Am 11. April 1968 wurde Dutschke vor dem SDS-Büro von dem jungen Hilfsarbeiter Josef Bachmann angegriffen, der drei Schüsse auf ihn abfeuerte. Er erlitt lebensgefährliche Gehirnverletzungen und überlebte nur knapp nach einer mehrstündigen Operation. Heute erinnert eine Gedenktafel am Tatort vor dem Haus Kurfürstendamm 141 an das Attentat.
Bachmanns Motive wurden nie ganz aufgeklärt; man fand bei ihm ein Zeitungsfoto von Dutschke und die National Zeitung und vermutete daher rechtsextreme Hintergründe. Viele Studenten machten die Springerpresse für das Attentat verantwortlich, da diese zuvor monatelang gegen Dutschke und die demonstrierenden Studenten agitiert hatte. Die BILD z. B. hatte Tage zuvor zum „Ergreifen“ der „Rädelsführer“ aufgerufen. Bei den folgenden Protestkundgebungen kam es zu den bis dahin schwersten Ausschreitungen, bei denen auch das Gebäude des Springerverlags angegriffen und Auslieferungsfahrzeuge für seine Zeitungen angezündet wurden.
Dutschke eignete sich Sprache und Gedächtnis in monatelanger Sprachtherapie mühsam wieder an. Zur Genesung hielt er sich ab 1969 in der Schweiz, Italien und Großbritannien auf. Nach vorübergehender Ausweisung von dort durfte er 1970 ein Studium an der Universität Cambridge anfangen. Nach dem Regierungswechsel 1970 wurde seine Aufenthaltserlaubnis jedoch aufgehoben. Daraufhin zog er nach Dänemark, wo ihn die Universität von Århus als Soziologiedozenten anstellte.
Bachmann wurde wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt. Dutschke nahm brieflich Kontakt mit ihm auf, erklärte ihm, er habe keinen persönlichen Groll gegen ihn und versuchte, ihm ein sozialistisches Engagement nahezubringen. Bachmann beging jedoch am 24. Februar 1970 im Gefängnis Suizid. Dutschke bereute, ihm nicht öfter geschrieben zu haben: … der Kampf für die Befreiung hat gerade erst begonnen; leider kann Bachmann daran nun nicht mehr teilnehmen …
Spätzeit
Rudi Dutschke auf der Anti-AKW-Demonstration am 14. Oktober 1979 in BonnAb 1972 bereiste Dutschke wieder die Bundesrepublik. Er suchte Gespräche mit Gewerkschaftern und Sozialdemokraten, darunter Gustav Heinemann, dessen Vision eines blockfreien, entmilitarisierten Gesamtdeutschlands er teilte. Am 14. Januar 1973 redete er auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Bonn erstmals nach dem Attentat wieder öffentlich. Ab Juli besuchte er mehrmals Ost-Berlin und traf dort Wolf Biermann, mit dem er fortan befreundet blieb. Auch mit anderen SED-Dissidenten wie Robert Havemann und später Rudolf Bahro nahm er Kontakt auf.
1974 veröffentlichte er seine Dissertation und erhielt ein Jahr darauf ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der FU Berlin. Im Februar leitete er eine Podiumsdiskussion über „Solschenizyn und die Linke“, in der er für Menschenrechte in der Sowjetunion und im Ostblock eintrat. Seit 1976 war er Mitglied im Sozialistischen Büro, einer „undogmatischen“ linken Gruppe, die im Zerfall des SDS entstanden war. Hier engagierte er sich für den Aufbau einer Partei, die grün-alternative und linke Initiativen ohne die K-Gruppen vereinen sollte.
1977 wurde er freier Mitarbeiter verschiedener linksgerichteter Zeitungen und Gastdozent an der Universität Groningen in den Niederlanden. Er unternahm Vortragsreisen über die Studentenbewegung, nahm am „Internationalen Russell-Tribunal“ gegen Berufsverbote und an Großdemonstrationen der Atomkraftgegner in Wyhl am Kaiserstuhl, Bonn und Brokdorf teil.
Nachdem Bahro in der DDR zu acht Jahren Haft verurteilt worden war, organisierte und leitete Dutschke im November 1978 den Bahro-Solidaritätskongress in West-Berlin. 1979 wurde er Mitglied der Bremer Grünen Liste und beteiligte sich an ihrem Wahlkampf. Nach ihrem Einzug in das Stadtparlament wurde er zum Delegierten für den Gründungskongress der Partei Die Grünen gewählt.
Dutschke starb jedoch knapp drei Wochen vor dem Gründungskongress. Am 24. Dezember 1979 ertrank er in der heimischen Badewanne infolge eines epileptischen Anfalls, einer Spätfolge des Attentats. Am 3. Januar 1980 wurde er auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem feierlich beigesetzt. Der Theologe Martin Niemöller hatte ihm sein Grab überlassen, nachdem dort zunächst kein Grabplatz frei war.[3] Etwa 6000 Gäste begleiteten den Trauerzug, Helmut Gollwitzer hielt die Traueransprache.[4]
Dutschkes zweiter Sohn Rudi-Marek wurde 1980 in Dänemark geboren. Sein erster Sohn, 1968 geboren, erhielt den Namen Hosea-Che, seine Ende 1968 geborene Tochter wurde Polly-Nicole genannt[5]
Denken
Grundposition
Dutschke verstand sich seit seiner Jugendzeit als antiautoritärer demokratischer Sozialist. In seiner Studienzeit entwickelte er sich zu einem überzeugten revolutionären Marxisten, der sich in die weithin vergessenen libertären Traditionen der Arbeiterbewegung stellte und sich sowohl vom Reformismus wie vom Stalinismus abgrenzte.
Dutschkes Ziel war die „totale Befreiung der Menschen von Krieg, Hunger, Unmenschlichkeit und Manipulation“ durch eine „Weltrevolution“. Mit dieser radikalen Utopie knüpfte er an den christlichen Sozialismus seiner Jugend an, auch wenn er nicht mehr an einen persönlichen Gott glaubte. 1964 zum Karfreitag schrieb er in sein Tagebuch über „der Welt größten Revolutionär“:[6]
„Jesus Christus zeigt allen Menschen einen Weg zum Selbst – diese Gewinnung der inneren Freiheit ist für mich allerdings nicht zu trennen von der Gewinnung eines Höchstmaßes an äußerer Freiheit, die gleichermaßen und vielleicht noch mehr erkämpft sein will.“
1978 erklärte er bei einem Treffen mit Martin Niemöller:[7]
„Ich bin ein Sozialist, der in der christlichen Tradition steht. Ich bin stolz auf diese Tradition. Ich sehe Christentum als spezifischen Ausdruck der Hoffnungen und Träume der Menschheit.“
Ausdruck dafür waren die lebenslange Freundschaft zu Helmut Gollwitzer und der Doppelname seines ersten Sohnes „Hosea-Che“, der auf den biblischen Propheten Hosea und den argentinischen Guerilla-Kämpfer Che Guevara anspielte.
Ökonomische Analyse
Dutschke versuchte, die Marxsche „Kritik der politischen Ökonomie“ auf die Gegenwart anzuwenden und weiterzuentwickeln. Er sah das Wirtschafts- und Sozialsystem der Bundesrepublik als Teil eines weltweiten komplexen Kapitalismus, der alle Lebensbereiche durchdringe und die lohnabhängige Bevölkerung unterdrücke. Die soziale Marktwirtschaft beteilige das Proletariat zwar am relativen Wohlstand der fortgeschrittenen Industrieländer, binde es dadurch aber in den Kapitalismus ein und täusche es über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinweg.
Repräsentative Demokratie und Parlamentarismus waren daher für Dutschke Ausdruck einer „repressiven Toleranz“ (Herbert Marcuse), die die Ausbeutung der Arbeiter verschleiere und die Privilegien der Besitzenden schütze. Diese Strukturen sah er als nicht reformierbar an; sie müssten vielmehr in einem langwierigen, international differenzierten Revolutionsprozess umgewälzt werden, den er als „langen Marsch durch die Institutionen“ bezeichnete.
In der Bundesrepublik erwartete Dutschke nach dem Wirtschaftswunder eine Periode der Stagnation: Die Subventionierung unproduktiver Sektoren wie Landwirtschaft und Bergbau werde künftig nicht mehr finanzierbar sein. Der dadurch absehbare massive Abbau von Arbeitsplätzen im Spätkapitalismus werde eine Strukturkrise erzeugen, die den Staat zu immer tieferen Eingriffen in die Wirtschaft veranlassen und in einen „integralen Etatismus“ münden werde: Der Staat werde die Wirtschaft lenken, aber das Privateigentum formal beibehalten. Dieser Zustand sei nur mit Gewalt gegen die aufbegehrenden Opfer der Strukturkrise zu stabilisieren.
Im technischen Fortschritt sah Dutschke Ansatzpunkte für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung: Automatisierung, Computerisierung und Nutzung der Atomkraft zu friedlichen Zwecken ließen die Notwendigkeit der Lohnarbeit zunehmend wegfallen. Damit werde Arbeitszeit freigesetzt, die gegen das „System“ aktiviert werden könne. Für den nötigen Umsturz fehle der Bundesrepublik jedoch ein „revolutionäres Subjekt“. Gestützt auf Marcuses Der eindimensionale Mensch glaubte Dutschke, ein „gigantisches System von Manipulation“ stelle „eine neue Qualität von Leiden der Massen her, die nicht mehr aus sich heraus fähig sind, sich zu empören.“ Die deutschen Proletarier lebten verblendet in einem „falschen Bewusstsein“ und könnten die strukturelle Gewalt des kapitalistischen Staates daher nicht mehr unmittelbar wahrnehmen. Eine „Selbstorganisation ihrer Interessen, Bedürfnisse, Wünsche“ sei damit „geschichtlich unmöglich geworden“.
Antiautoritäre Provokation und antiimperialistische Gewalt Dutschke glaubte wie viele seiner Mitstreiter im SDS, der Vietnamkrieg der USA, die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik und die stalinistischen Bürokratien im Ostblock seien Teilaspekte der weltweiten autoritären Kapitalherrschaft über die entmündigten Völker.[8] Jedoch seien die Bedingungen für die Überwindung des weltweiten Kapitalismus in den reichen Industriestaaten und der „Dritten Welt“ verschieden. Anders als Marx es erwartete, werde die Revolution nicht im hochindustrialisierten Mitteleuropa beginnen, sondern von den verarmten und unterdrückten Völkern der „Peripherie“ des Weltmarkts ausgehen.
Im Vietnamkrieg sah Dutschke den Beginn dieser revolutionären Entwicklung, die auch auf andere Dritte-Welt-Länder übergreifen könne. Er bejahte ausdrücklich die Militärgewalt des Vietcong:[9]
„Dieser revolutionäre Krieg ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt von den Menschen abgeschafft wird.“
Dutschke teilte hier die antiimperialistische Theorie von Frantz Fanon im Anschluss an Lenin, wonach der von „revolutionärem Hass“ geleitete Befreiungskampf der Völker zuerst die „schwächsten Glieder“ in der Kette des Imperialismus zerreißen werde und dies unterstützt werden müsse: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams!
Dutschkes Aktionskonzept war seit 1965 jedoch nicht auf gewaltsamen Guerillakampf, sondern auf illegale Regelverletzung als subversive Aktion ausgerichtet:[10]
„Genehmigte Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich.“
Die „antiautoritären“ Protestformen der APO - Sitzstreiks, „Go-Ins“, Tomatenwürfe und „Pudding-Attacken“ auf Staatsbesucher und Herrschaftssymbole, Unterlaufen von Demonstrationsverboten, Verlassen vorgeschriebener Demonstrationsorte und -routen usw. - sollten den bürgerlichen Staat zwingen, seine „liberale Maske“ abzulegen und die Gewalt offen zu zeigen, die ihm strukturell inhärent sei. „Organisierte Irregularität“, also systematische Verstöße gegen die Regeln des bürgerlichen Staates sollten diesen zu gewalttätigen Reaktionen provozieren und über die Medienresonanz die Bevölkerung politisieren. Die „sinnliche Erfahrung“ dieser sonst „latenten“ staatlichen Gewalt und Aufklärung darüber sollten gemeinsam das „falsche Bewusstsein“ aufheben und die tatsächliche Unfreiheit zunächst bei den Akteuren, dann auch bei deklassierten Arbeitern und Arbeitslosen transparent machen. Der Revolutionär revolutioniere sich damit gleichsam selbst: Dies sei die „entscheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der Massen“.
Benno Ohnesorgs Erschießung entsetzte viele Menschen und verstärkte den Protest bundesweit. Dutschke wollte die Zuspitzung der Konfrontation mit dem Staat nutzen, um eine erfolgreiche Revolution herbeizuführen, deren objektive Bedingungen bereits vorlägen. Er sagte am 9. Juni 1967:[11]
„Die Entwicklungen der Produktivkräfte haben einen Prozeßpunkt erreicht, wo die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden ist. Alles hängt vom bewußten Willen der Menschen ab, ihre schon immer von ihnen gemachte Geschichte endlich bewußt zu machen, sie zu kontrollieren, sie sich zu unterwerfen...“
Zuvor hatte Jürgen Habermas bereits gemahnt:
„Diese Welt ist von Gewalt besessen, wie wir wissen. Aber die Befriedigung daran, durch Herausforderung die sublime Gewalt in manifeste Gewlat unzuwandeln, ist masochistisch, keine Befriedigung also, sondern Unterwerfung unter eben diese Gewalt.“
Nun ergänzte er: Die Revolution allein von der Entschlossenheit der Revolutionäre abhängig zu machen, statt wie Marx auf die Eigenentwicklung der Produktionsverhältnisse zu setzen, sei eine „voluntaristische Ideologie“. Das habe man 1848 „utopischen Sozialismus“ genannt, und er sehe darin heute die Tendenz zu einem „linken Faschismus“. Dutschkes Vorhaben werde Faschismustendenzen in Staat und Volk wecken, statt sie zu verringern.
Dutschke dagegen glaubte, nur disziplinierte und organisierte Gegenwehr könne die Staatsgewalt zurückdrängen und so Menschenleben retten:[12]
„H[abermas] will nicht begreifen, dass allein sorgfältige Aktionen Tote, sowohl für die Gegenwart als auch noch mehr für die Zukunft 'vermeiden' können. Organisierte Gegengewalt unsererseits ist der größte Schutz, nicht 'organisierte Abwiegelei' a la H[abermas]. Der Vorwurf der 'voluntaristischen Ideologie' ehrt mich.“
Am 21. Oktober 1967 konkretisierte er die Ziele dieser Gegenwehr:
„Die Durchbrechung der Spielregeln der herrschenden kap[italistischen] Ordnung führt nur dann zur manifesten Entlarvung des Systems als ‚Diktatur der Gewalt‘, wenn wir zentrale Nervenpunkte des Systems in mannigfaltiger Form (von gewaltlosen offenen Demonstrationen bis zu konspirativen Aktionsformen) angreifen (Parlament, Steuerämter, Gerichtsgebäude, Manipulationszentren wie Springer-Hochhaus oder SFB, Amerika-Haus, Botschaften der unterdrückten Nationen, Armeezentren, Polizeistationen u.a.m.).“
Dabei unterschied er Gewalt gegen Sachen von Gewalt gegen Personen; letztere lehnte er zwar nicht prinzipiell, aber für die bundesdeutsche Situation ab. Sprengstoffanschläge auf einen Sendemast des amerikanischen Soldatensenders AFN oder ein Schiff mit Versorgungsgütern für die US-Armee in Vietnam wurden damals erwogen und ansatzweise vorbereitet. Beide Ideen blieben unausgeführt, auch weil Verletzung von Personen nicht ausgeschlossen werden konnte.
In der Phase nach Ohnesorgs Tod radikalisierte Dutschke seine Überlegungen. Er sah in der NATO ein militärisches Instrument, um sozialrevolutionäre Bewegungen der Dritten Welt niederzuschlagen, und fürchtete, dass die Bundeswehr sich daran beteiligen könnte, weil Amerika dazu alleine zu schwach sein könnte. Auf die Frage von Günter Gaus im Dezember 1967 in einem Fernsehinterview[13], ob er notfalls auch selbst mit der Waffe in der Hand kämpfen würde, kündigte er für diesen Fall seine Beteiligung an bewaffneten Auseinandersetzungen in Deutschland an:
„Wäre ich in Lateinamerika, würde ich mit der Waffe in der Hand kämpfen. Ich bin nicht in Lateinamerika, ich bin in der Bundesrepublik. Wir kämpfen dafür, daß es nie dazu kommt, daß Waffen in die Hand genommen werden müssen. Aber das liegt nicht bei uns. Wir sind nicht an der Macht. Die Menschen sind nicht bewußt sich ihres eigenen Schicksals, und so, wenn 1969 der NATO-Austritt nicht vollzogen wird, wenn wir reinkommen in den Prozeß der internationalen Auseinandersetzung – es ist sicher, daß wir dann Waffen benutzen werden, wenn bundesrepublikanische Truppen in Vietnam oder in Bolivien oder anderswo kämpfen – daß wir dann im eigenen Lande auch kämpfen werden.“
In weiteren Interviews um die Jahreswende 1967/68 bekräftigte Dutschke, dass ein Kriegseinsatz von NATO-Truppen gegen Aufstände in der Dritten Welt Gegengewalt im eigenen Land nötig machen könne:[14]
„Wir dürfen […] von vornherein nicht auf eigene Gewalt verzichten, denn das würde nur einen Freibrief für die organisierte Gewalt des Systems bedeuten. [...]“
"...die Höhe unserer Gegengewalt bestimmt sich durch das Maß der repressiven Gewalt der Herrschenden.“
In diesem reziproken Sinn hielt er in der deutschen Situation damals weiterhin Aufklärung durch auch illegalen, aber gewaltfreien Protest für angemessen, keinen Guerillakrieg. Nach dem Attentat auf ihn hielt er diese Position durch, betonte nun aber stärker das ihm zugeschriebene Konzept vom „Marsch durch die Institutionen“. Im Rückblick sah er die Aufklärung durchaus als wirksam an:[15]
„Nach dem Vietnam-Kongress war der Höhepunkt der faschistoiden Tendenz bald beseitigt.“
Verhältnis zum Terrorismus
Dutschke grenzte sich als antiautoritärer Marxist stets von allen „Kader“-Konzepten ab, die sich von der Bevölkerung isolierten und deren Bewusstwerdung verhinderten. Ebenso ablehnend stand er auch dem „Individualterror“ gegenüber, den verschiedene linksradikale Gruppen wie die „Tupamaros Westberlin“ oder die Rote Armee Fraktion nach dem Zerfall des SDS seit 1970 verübten.
Am 9. November 1974 starb das RAF-Mitglied Holger Meins an einem Hungerstreik im Gefängnis. Bei seiner Beerdigung rief Dutschke mit erhobener Faust: „Holger, der Kampf geht weiter!“ Auf die heftige Kritik daran reagierte er nach dem Mord an Günter von Drenkmann mit einem Leserbrief an den „Spiegel“, in dem er erklärte:
„‚Holger, der Kampf geht weiter‘ – das heißt für mich, dass der Kampf der Ausgebeuteten und Beleidigten um ihre soziale Befreiung die alleinige Grundlage unseres politischen Handelns als revolutionäre Sozialisten und Kommunisten ausmacht. […] Die Ermordung eines antifaschistischen und sozialdemokratischen Kammer-Präsidenten ist aber als Mord in der reaktionären deutschen Tradition zu begreifen. Der Klassenkampf ist ein Lernprozess. Der Terror aber behindert jeden Lernprozess der Unterdrückten und Beleidigten.“
In einem Privatbrief an den späteren SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve vom 1. Februar 1975 erklärte Dutschke sein Auftreten an Meins’ Grab für zwar „psychologisch verständlich“, politisch aber „nicht angemessen reflektiert“.
Am 7. April 1977, dem Tag des Mordes an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, notierte er in sein Tagebuch:
„Der Bruch der linken Kontinuität im SDS, die verhängnisvollen Auswirkungen werden erkennbar. Was tun? Die sozialistische Partei wird immer unerlässlicher!“
Er sah nun eine Parteigründung links von der SPD als notwendige Alternative zum Terrorismus an.
Im Deutschen Herbst 1977 wurde vielen Linksintellektuellen vorgeworfen, sie hätten den „geistigen Nährboden“ der RAF geschaffen. In der „Zeit“ vom 16. September gab Dutschke den Vorwurf an die „herrschenden Parteien“ zurück und warnte vor den Folgen des Terrors:
„Der individuelle Terror ist der Terror, der später in die individuelle despotische Herrschaft führt, aber nicht in den Sozialismus.“
Dennoch griff ihn z.B. die Stuttgarter Zeitung vom 24. September des Jahres persönlich als Wegbereiter der RAF an:
„Es ist Rudi Dutschke gewesen, der […] gefordert hatte, das Konzept Stadtguerilla müsse hierzulande entwickelt und der Krieg in den imperialistischen Metropolen entfesselt werden.“
Dagegen meinte Dutschke, das Attentat auf ihn habe ein „geistiges, politisches und sozialpsychologisches Klima der Unmenschlichkeit“ hervorgerufen, [16] und betonte in einem Rückblick auf seine Entwicklung im Dezember 1978 nochmals:
„Individueller Terror […] ist massenfeindlich und antihumanistisch. Jede kleine Bürgerinitiative, jede politisch-soziale Jugend-, Frauen-, Arbeitslosen-, Rentner- und Klassenkampfbewegung […] ist hundertmal mehr wert und qualitativ anders als die spektakulärste Aktion des individuellen Terrors.“
– „Gekrümmt vor dem Herrn…“ S. 57
Verhältnis zum Realsozialismus
Für Dutschke waren Demokratie und Sozialismus untrennbar miteinander verbunden. Die Verfügung der Arbeiter über die Produktionsmittel sollte das Erbe der Französischen Revolution, die Bürgerrechte, bewahren und die freie Entfaltung des Individuums ermöglichen und erweitern.
Deshalb grenzte er sich seit 1956 gegen den Leninismus der Sowjetunion und der von ihr beherrschten Staaten ab. Er sah diesen als doktrinäre Entartung des genuinen Marxismus zu einer neuen „bürokratischen“ Herrschaftsideologie. Er forderte und erwartete seit dem 17. Juni 1967 auch im Ostblock eine durchgreifende Revolution zu einem selbstbestimmten Sozialismus. Im SDS setzte er sich intensiv mit den DDR-Sympathisanten und „Traditionalisten“ und ihrem an Lenins Konzept einer Kaderpartei angelehnten Revolutionsverständnis auseinander. Ein Stasispitzel im SDS meldete daraufhin in das Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin, Dutschke vertrete „eine völlig anarchistische Position“; ein anderer IM meldete: „Dutschke spricht ausschließlich vom Scheißsozialismus in der DDR.“
Den Prager Frühling begrüßte Dutschke vorbehaltlos. Nach dessen Niederschlagung übte er Selbstkritik, weil der SDS mit der FDJ gegen den Vietnamkrieg zusammengearbeitet hatte:[17]
„Sind wir gar einem riesigen Fremd- und Eigenbetrug anheimgefallen? […] Warum geht eine SU (ohne Sowjets), die sozialrevolutionäre Bewegungen in der Dritten Welt unterstützt, imperialistisch gegen ein Volk vor, welches selbständig unter Führung der kommunistischen Partei die demokratisch-sozialistische Initiative ergriff? […] Ohne Klarheit an dieser Ecke ist ein sozialistischer Standpunkt der konkreten Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Echtheit unmöglich, werden gerade die Unterdrückten, Ausgebeuteten und Beleidigten in der BRD und der DDR im besonderen nicht bereit sein, über Lohnkämpfe hinaus in den politischen Klassenkampf einzusteigen.“
Eine Zeit lang begrüßte Dutschke Mao Zedongs Kulturrevolution wie auch die Roten Khmer unter Pol Pot als Beitrag zur erhofften Entbürokratisierung des Staatskommunismus und zur Überwindung der „Asiatischen Produktionsweise“. Doch schon 1968 grenzte er sich unter dem Einfluss von Ernest Mandel vom Maoismus ab. Von den nun entstehenden K-Gruppen, die sich kritiklos an die Volksrepublik China oder Albanien anlehnten, distanzierte er sich ebenfalls.
Dutschkes 1974 veröffentlichte Dissertation „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“ erklärte die Ursachen der sowjetisch-chinesischen Fehlentwicklung im Gefolge Karl August Wittfogels mit der marxistischen Gesellschaftsanalyse. Er vertrat hier die Ansicht, dass die Voraussetzungen für eine sozialistische Revolution in Russland nie bestanden hätten, und nahm stattdessen eine ungebrochene Kontinuität der „asiatischen Despotie“ von Dschingis Khan bis zu Stalins Zwangskollektivierung und Zwangsindustrialisierung an. Während Lenin 1905 noch für die Entfaltung des Kapitalismus in Russland plädiert habe, damit dort eine echte Arbeiterklasse heranwachsen könne, sei schon sein „Oktoberputsch“ von 1917 als Rückfall in die „allgemeine Staatssklaverei“ anzusehen. Die Entwicklung zu Stalin sei logische Folge von Lenins Parteien- und Fraktionsverbot gewesen. Stalins Versuch, die Produktivität der Sowjetunion durch brutale Zwangsindustrialisierung zu steigern, habe ihre Abhängigkeit vom kapitalistischen Weltmarkt nie beseitigen können. Er habe nur einen neuen Imperialismus hervorgebracht, so dass militärische Unterstützung von Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und Unterdrückung von selbstbestimmten Sozialismusversuchen im Ostblock eine logische Einheit darstellten.
Der Stalinismus sei manifester „Anti-Kommunismus“, der eine „Monopolbürokratie“ geschaffen habe, die nicht minder aggressiv sei als die „Monopolbourgeoisie“, die Stalin für den deutschen Faschismus verantwortlich machte. Somit sei es kein Zufall, dass seine Gulags und Konzentrationslager nach 1945 nicht verschwunden, sondern aufrecht erhalten worden seien. Diesen systembedingten, nicht als „Entartung“ der Politik Lenins zu begreifenden Charakter der Sowjetunion hätten auch Leo Trotzki, Bucharin, Karl Korsch, Rudolf Bahro, Jürgen Habermas und andere marxistische Kritiker und Analytiker nicht voll erkannt.
Der isolierte „Sozialismus in einem Land“ sei eine „antidynamische Sackgassenformation“, die sich nur noch durch Kredite und Importe aus dem Westen am Leben erhalten könne. Alle ihre scheinbaren inneren Reformanläufe seit Chrustschow und dem 20. Parteitag der KPdSU von 1956 seien nur Mittel zum Überleben der ZK-Bürokratie gewesen:[18]
„Von pseudo-linker, gutgemeinter moralisch-romantischer Position kann man es gutheißen, Produktionsweisen zu 'überspringen', mit einem sozialistischen Standpunkt hatte (und hat) die Moskauer Position desgleichen wie die Pekinger nie etwas zu“
Aufgrund dieser eindeutigen Haltung galt Dutschke der Stasi bis zum Ende der DDR 1990 als Autor jenes „Manifests des Bundes Demokratischer Kommunisten“, das „Der Spiegel“ im Januar 1978 veröffentlichte. Es forderte wie seine Dissertation den Übergang von der asiatischen Produktionsweise des bürokratischen „Staatskapitalismus“ zur sozialistischen Volkswirtschaft, von der Einparteiendiktatur zu Parteienpluralismus und Gewaltenteilung. Erst 1998 stellte sich Hermann von Berg, ein Leipziger SED-Dissident, als Autor heraus.[19]
Verhältnis zum Parlamentarismus
Dutschke lehnte die repräsentative Demokratie in den sechziger Jahren ab, weil er das Parlament nicht als Volksvertretung ansah. In einem Fernsehinterview erklärte er am 3. Dezember 1967:
„Ich halte das bestehende parlamentarische System für unbrauchbar. Das heißt, wir haben in unserem Parlament keine Repräsentanten, die die Interessen unserer Bevölkerung – die wirklichen Interessen unserer Bevölkerung – ausdrücken. Sie können jetzt fragen: Welche wirklichen Interessen? Aber da sind Ansprüche da. Sogar im Parlament. Wiedervereinigungsanspruch, Sicherung der Arbeitsplätze, Sicherung der Staatsfinanzen, in Ordnung zu bringende Ökonomie, all das sind Ansprüche, die muss aber das Parlament verwirklichen. Aber das kann es nur verwirklichen, wenn es einen kritischen Dialog herstellt mit der Bevölkerung. Nun gibt es aber eine totale Trennung zwischen den Repräsentanten im Parlament und dem in Unmündigkeit gehaltenen Volk.“
Um diese Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten zu überwinden, sprach er sich für eine Räterepublik aus, die er in West-Berlin vorbildhaft aufbauen wollte. Wie in der Pariser Kommune sollten sich auf der Basis selbstverwalteter Betriebe Kollektive von höchstens dreitausend Menschen bilden, um ihre Angelegenheiten im herrschaftsfreien Diskurs, mit Rotationsprinzip und imperativem Mandat ganzheitlich selbst zu regeln. Polizei, Justiz und Gefängnisse würden dann überflüssig. Auch werde man nur fünf Stunden täglich arbeiten müssen.
„Früher war der Betrieb die Ebene, wo das Leben totgeschlagen wurde. Indem die Fabrik unter eigene Kontrolle genommen wird, kann sich in ihr Leben entfalten. Arbeit kann dann Selbsterzeugung des Individuums bedeuten statt Entfremdung.“
Als Keimzellen solcher Kollektive schlug er politische „Aktionszentren“ vor, die das studentische Milieu mit der Lebenswelt der Arbeiter vermitteln und andere Formen des Zusammenlebens ausprobieren sollten. Dies fand er später in den Bürgerinitiativen, der Alternativ- und Ökologiebewegung teilweise realisiert.
Vor wie nach dem Attentat grenzte er sich von fast allen bestehenden Parteien ab und suchte ständig nach neuen, unmittelbar wirksamen Aktionsformen. Zugleich fand er im italienischen Eurokommunismus Geistesverwandte und erwog schon früh die Gründung einer neuen Linkspartei. Doch seine Skepsis gegen eine verselbständigte „revisionistische“ Partei-Elite überwog.
Seit 1976 engagierte Dutschke sich für den Aufbau einer ökosozialistischen Partei, die die neuen außerparlamentarischen Bewegungen bündeln und parlamentarisch wirksam werden lassen sollte. Ab 1978 setzte er sich mit anderen für eine grünalternative Liste ein, die an den kommenden Europawahlen teilnehmen sollte. Im Juni 1979 gewann Joseph Beuys ihn für gemeinsame Wahlkampfauftritte. Mit seinem Eintritt in die Grüne Liste Bremens, die als erster grüner Landesverband die Fünf-Prozent-Hürde übersprang, hatte er sich schließlich dem Parlamentarismus zugewandt.
Auf dem Programmkongress der Grünen in Offenbach am Main trat Dutschke in Verbindung mit der „Deutschen Frage“ für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen und damit für ein Widerstandsrecht gegen die Militärblöcke in West wie Ost ein. Dieses Thema warf sonst niemand auf, da es der strikten Gewaltfreiheit widersprach, auf die sich die Mehrheit dann festlegte: Die Grünen verstanden sich damals als streng pazifistische Antiparteienpartei.[20]
Verhältnis zur Deutschen Einheit
Die deutsche Teilung war für Dutschke schon seit seiner DDR-Jugend ein Anachronismus, da beide deutschen Teilstaaten das Erbe des Faschismus erst noch zu überwinden hätten. Die Berliner Mauer versuchte er am 14. August 1961 einzureißen und wurde dafür in West-Berlin inhaftiert.
Dutschkes nach dem 17. Juni 1967 entworfenes, damals kaum beachtetes Modell einer „befreiten Räterepublik Berlin“ sollte auf Ostdeutschland ausstrahlen und Vorbild einer künftigen gesamtdeutschen Basisdemokratie werden:
„Wenn sich Westberlin zu einem neuen Gemeinwesen entwickeln sollte, würde das die DDR vor eine Entscheidung stellen: entweder Verhärtung oder wirkliche Befreiung der sozialistischen Tendenzen in der DDR. Ich nehme eher das letztere an.“
Er bejahte die Deutsche Wiedervereinigung, die die westdeutsche Linke damals fast einhellig ablehnte, „als revolutionäres Kettenglied des Angriffs gegen Spätkapitalismus und Revisionismus“ und somit als integralen Bestandteil einer erfolgreichen sozialistischen Revolution in beiden deutschen Teilstaaten.
So wie er etwa den Vietnamkrieg als „nationale Befreiung“ vom Imperialismus begrüßte, so sah er die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs anzustrebende sozialistische Revolution als notwendige Stärkung des Selbstbewusstseins der Deutschen gegen die Fremdbestimmung von außen. Diese sollte den Rückfall in alten Nationalismus langfristig gerade verhindern.
Bernd Rabehl versuchte in seiner von der Fachwelt meist abgelehnten Biografie, seinen früheren Mitstreiter als Vertreter einer „nationalen Revolution“ zu vereinnahmen. Dem widersprach Gretchen Klotz energisch:[21]
„Rudi wollte die Unterwürfigkeit als Persönlichkeitsmerkmal einer deutschen Identität abschaffen. […] Er kämpfte für ein antiautoritäres, demokratisches, vereintes Deutschland in einer antiautoritären, demokratischen und sozialistischen Welt. Er war kein 'Nationalrevolutionär', sondern ein internationalistischer Sozialist, der im Gegensatz zu anderen begriffen hatte, dass es politisch falsch ist, die nationale Frage zu ignorieren. […] Er suchte etwas ganz Neues, das nicht anschloss an die autoritäre, nationalchauvinistische deutsche Vergangenheit. Wer Rudi anders interpretiert, verfälscht seine Ideen.“
Aktuelle Diskussion
Rudi Dutschkes hat ein Ehrengrab auf dem Kirchhof der St. Annen-Gemeinde in Berlin-Dahlem.
Verhältnis zu Gewalt
Nicht nur für konservative Gegner, sondern auch für traditionelle Marxisten stellte Dutschke eine Reizfigur dar.[22] Heute wird sein Denken und Handeln besonders in Bezug auf sein Verhältnis zu Gewalt erneut kontrovers diskutiert. Umstritten ist nach wie vor sein auf Guevara gestütztes Konzept der „Stadtguerilla“, das er seit 1966 entwickelte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar sieht darin die theoretische Fundierung des Terrorismus, wie ihn die RAF später ausübte. Er zeigt anhand vieler, teilweise unveröffentlichter Aussagen Dutschkes, das Konzept sei kein „Verfalls- und Verzweiflungsprodukt der 68er-Bewegung“, sondern feste Begründung ihrer Aktionen gewesen. So hieß es im „Organisationsreferat“, das Dutschke mit Hans-Jürgen Krahl verfasst und am 5. September 1967 beim Bundeskongress des SDS in Frankfurt a.M. vorgetragen hatte:[23]
„Die ‚Propaganda der Schüsse‘ (Che Guevara) in der ‚Dritten Welt‘ muss durch die ‚Propaganda der Tat‘ in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerillatätigkeit geschichtlich möglich macht. Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.“
Die „Frankfurter Rundschau“' folgerte, „dass Dutschke propagierte, was Baader und die RAF praktizierten“. Der Journalist Richard Herzinger wirft ihm und seinen Genossen vom SDS heute vor:
„Indem sich die 68er dieser todessüchtigen Gewaltideologie des Trikont-Propheten Che Guevara anschlossen, verlangten sie also nicht nach weniger, sondern nach mehr Krieg, nicht nach weniger, sondern nach mehr Opfern.“
Worin genau die von Dutschke geforderte „Irregularität“ bestehen sollte, ist jedoch mehrdeutig. Seine Witwe Gretchen Dutschke-Klotz und andere sehen hier gezielte konfrontative, aber nicht gewaltsame Regelverstöße zur Erweiterung demokratischer Handlungsspielräume. Sie schrieb dazu am Montag, dem 8. August 2005, in der taz:
„Wenn Rudis Theorien zum Baader-Meinhof-Terrorismus geführt haben, dann hat Thomas Jefferson auch Osama Bin Laden inspiriert.“
Wegen solcher Aussagen werfen manche deutsche Historiker ihr heute eine „Pflege des Mythos Dutschke“ vor.[24]
Gegenwartsbedeutung
Für Ralf Dahrendorf haben Dutschkes theoretische Entwürfe und gesellschaftswissenschaftliche Forschungen heute keine öffentliche Bedeutung:
Er war ein konfuser Kopf, der keine bleibenden Gedanken hinterlassen hat. Worauf man zurückblickt, ist die Person: ein anständiger, ehrlicher und vertrauenswürdiger Mann. Aber ich wüsste niemand, der sagen würde: Das war Dutschkes Idee, die müssen wir jetzt verfolgen.[25]
Straßenumbenennung
Am 30. April 2008 wurde ein Teil der Kochstraße in Berlin offiziell in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt. Sie grenzt direkt an die Axel-Springer-Straße.[26] Um die Umbenennung gab es ab 2005 einen öffentlich ausgetragenen Konflikt. Mehrere Klagen von Anwohnern sowie vom in der Kochstraße ansässigen Axel Springer Verlag blieben erfolglos.[27]
Film
Das ZDF produziert seit April 2008 einen Fernsehfilm über das Leben des Studentenführers ab 1964. Die Hauptrolle spielt Christoph Bach, Regisseur ist Stefan Krohmer, Drehbuchautor ist Daniel Nocke. Der Film soll dokumentarische Elemente, Originalaufnahmen und Interviewpassagen von Dutschke enthalten und im Herbst 2008 gezeigt werden.[28]
Werke
Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben – Die Tagebücher 1963–1979.[29] Hrsg. v. Gretchen Dutschke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, ISBN 3462032240
Rudi Dutschke: Geschichte ist machbar. Texte über das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens. Hrsg. von Jürgen Miermeister. Klaus Wagenbach, Berlin 1991, ISBN 3803121981.
Rudi Dutschke: Lieber Genosse Bloch … – Briefe Rudi Dutschkes an Karola und Ernst Bloch. Hrsg. von Karola Bloch und Welf Schröter. Talheimer Verlag, Mössingen 1988, ISBN 3893760016
Rudi Dutschke: Aufrecht gehen – Eine fragmentarische Autobiographie. Herausgegeben von Ulf Wolter, eingeleitet von Gretchen Dutschke-Klotz, Bibliographie: Jürgen Miermeister, Olle und Wolter, Berlin 1981, ISBN 3883954276, Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg, auszugsweise über das „Spiegel“ Archiv erhältlich. [[1]] Schwedische Ausgabe bei Symposion, 1983, ISBN 91-7696-025-0
Rudi Dutschke: Mein langer Marsch. Reden, Schriften und Tagebücher aus zwanzig Jahren Hrsg. von Gretchen Dutschke-Klotz, Helmut Gollwitzer und Jürgen Miermeister. Rowohlt, Reinbek 1980, ISBN 3499147181
Fritz J. Raddatz (Hrsg.): Warum ich Marxist bin. Kindler, München 1978, S. 95–135, ISBN 3463007185
Rudi Dutschke: Gekrümmt vor dem Herrn, aufrecht im politischen Klassenkampf: Helmut Gollwitzer und andere Christen. In: Andreas Baudis u.a. (Hrsg.): Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Für Helmut Gollwitzer zum 70. Geburtstag. Christian Kaiser, München 1978, S. 544–577, ISBN 3459011866
Rudi Dutschke / Manfred Wilke (Hrsg.):Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke, Rowohlt, Reinbek 1975
Frank Böckelmann, Herbert Nagel (Hrsg.): Subversive Aktion. Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern. Neue Kritik, Frankfurt am Main 1976, 2002, ISBN 3-8015-0142-6
Rudi Dutschke: Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus. Klaus Wagenbach, Berlin 1974, 1984, ISBN 3-8031-3518-4
Rudi Dutschke: Zur Literatur des revolutionären Sozialismus von K. Marx bis in die Gegenwart. sds-korrespondenz sondernummer. Berlin 1966, Paco Press, Amsterdam 1970 (diverse Reprints), ISBN 3-929008-93-9
Uwe Bergmann, Rudi Dutschke, Wolfgang Lefèvre, Bernd Rabehl: Rebellion der Studenten oder die neue Opposition. Eine Analyse. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968.
Rudi Dutschke: Wider die Päpste. Über die Schwierigkeiten, das Buch von Bahro zu diskutieren. Ein offener Brief an den Stasi Chef; in Ulf Wolter (Hrsg.): Antworten auf Bahros Herausforderung des realen Sozialismus; Berlin: Olle & Wolter, 1978, ISBN 3-921241-51-0; engl. Ausgabe, USA, M.E.Sharpe, 1980, ISBN 978-0-87332-159-4; Books on Demand, ProQuest/AstroLogos, ISBN 978-0-7837-9935-3, 2007, Ulf Wolter (Hrsg.), Rudolf Bahro, Critical Responses mit Beiträgen von Marcuse, Pelikan, Lombardo Radice u.a.
Literatur
Ulrich Chaussy: Die drei Leben des Rudi Dutschke. Eine Biographie; Zürich: Pendo, 1999 (19831), ISBN 3-85842-532-X.
Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke – Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben.[30] Eine Biographie; Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1996, ISBN 3-462-02573-2.
Michaela Karl: Rudi Dutschke – Revolutionär ohne Revolution; Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik, 2003, ISBN 3-8015-0364-X.
Wolfgang Kraushaar: Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf; in: Karin Wieland, Jan Philipp Reemtsma (Hrsg.): Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF; Hamburg: Hamburger Edition, 2005, ISBN 3-936096-54-6.
Gerd Langguth: Mythos ‘68 – Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke – Ursachen und Folgen der Studentenbewegung; München: Olzog, 2001, ISBN 3-7892-8065-8.
Gerd Langguth: Propaganda der Tat – Wer war Rudi Dutschke; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. November 2006, Nr. 265, S. 7.
Jürgen Miermeister: Ernst Bloch. Rudi Dutschke; Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1998, ISBN 3-434-50207-6.
Jürgen Miermeister: Rudi Dutschke; Rororo Bildmonographien; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986 (und weitere Auflagen), ISBN 3-499-50349-2.
Bernd Rabehl: Rudi Dutschke – Revolutionär im geteilten Deutschland, Edition Antaios, Dresden 2002, ISBN 3-935063-06-7.
Rainer Rappmann (Hrsg.): Denker, Künstler, Revolutionäre – Beuys, Dutschke, Schilinski, Schmundt – Vier Leben für Freiheit, Demokratie u. Sozialismus, FIU-Verlag, Wangen 1996, ISBN 3-928780-13-1
Einzelnachweise [Bearbeiten]↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke, a.a.O. S. 58-63
↑ Zeitzeugenbericht dazu: Eckhard Siepmann: Drei Kugeln auf Dutschke
↑ Kerstin Hack: Radikalleben in Berlin
↑ Grab von Rudi Dutschke (1940–1979), St. Annen Kirchhof, Dahlem-Dorf
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke, a.a.O. S. 172f, 227, 459 u.ö.
↑ Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu Leben, Tagebücher 1963–1979, 27. März 1964, S. 20
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Rudi Dutschke – Eine Biographie S. 429
↑ Kai Hermann, S.69
↑ Ernesto Che Guevara: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam, hrsg. und übersetzt von Gaston Salvatore & Rudi Dutschke, Oberbaumpresse, Berlin 1967, ISBN 3926409215 (Vorwort; siehe Einleitung zu CHE GUEVARA)
↑ zitiert nach Michael Frey: Der 2. Juni 1967 - Beginn der Studentenrevolte. Wie es zum Ausbruch kommen konnte (Magisterarbeit an der Ruhruniversität Bochum, 7. Januar 2002)
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Wir hatten ein barbarisches, schönes Leb. Rudi Dutschke, a.a.O. S. 135f
↑ Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben, 10. Juni 1967, S. 45
↑ [http://www.rbb-online.de/_/zurperson/interview_jsp/key=zp_interview_638373.html Günter Gaus im Fernsehinterview mit Rudi Dutschke, gesendet im Ersten Deutschen Fernsehen am 3. Dezember 1967 in der Sendereihe „Zu Protokoll“)]
↑ zitiert nach Gerd Langguth: Rudi Dutschke stand für Gewalt (Tagesspiegel, 26. Januar 2005)
↑ Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979, btb, 1. Auflage 2005, S. 189 (Tagebucheintrag 4. März 1974)
↑ Nachlass, 2. August 1978
↑ Rudi Dutschke: Warum ich Marxist bin – doch Marx sagte: „Ich bin kein Marxist“ (Hrsg. Fritz J. Raddatz) S. 105
↑ Rudi Dutschke: Warum ich Marxist bin, S. 130
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke; S. 424f
↑ Gretchen Dutschke-Klotz, a.a.O.; S. 472f
↑ Rudi Dutschke: Tagebücher 1963–1979; Nachwort Gretchen Dutschke-Klotz, S. 400
↑ Michaela Karl: Rudi Dutschke. Revolutionär ohne Revolution Verlag: Neue Kritik (Oktober 2003) online Buchvorstellung
↑ Gretchen Dutschke-Klotz, a.a.O. S. 151
↑ Pavel A. Richter (Universität Bielefeld): Rezension der Dutschke-Biografie von Gretchen Dutschke-Klotz für H-Soz-u-Kult
↑ Interview mit Ralf Lord Dahrendorf in der taz vom 5./6. April 2008, tazmag, S. II: Der Minirock wurde nicht 1968 erfunden
↑ 40 Jahre nach der Revolte hat Berlin eine Rudi-Dutschke-Straße
↑ Spiegel Online: Hinterbliebene weihen Rudi-Dutschke-Straße ein, 30. April 2008.
↑ Der Spiegel, 20. Februar 2008: 68er Film: Christoph Bach spielt Rudi Dutschke
↑ buechernachlese.de.vu Rezension von Ulrich Karger zu Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben – Die Tagebücher 1963–1979
↑ buechernachlese.de.vu Rezension von Ulrich Karger zu Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke – Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben
riesemann - 2. Mai, 09:57
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