Mittwoch, 23. Juli 2008

Eugène François Vidocq 1775-1857

ein sehr lesenswerter Artikel:

Eugène François Vidocq war ein französischer Krimineller und Kriminalist, dessen Leben zahlreiche Schriftsteller wie Victor Hugo und Honoré de Balzac inspirierte. Durch seine Aktivitäten als Begründer und erster Direktor der Sûreté Nationale sowie die anschließende Eröffnung einer Privatdetektei, die wahrscheinlich die erste der Welt war, wird er von Historikern heute als „Vater“ der modernen Kriminalistik und der französischen Polizei betrachtet und gilt als erster Detektiv überhaupt.


Leben
Eugène François Vidocq wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1775 als drittes Kind des Bäckermeisters Nicolas Joseph François Vidocq (1744–1799) und dessen ihm am 2. September 1765 angetrauter Frau Henriette Françoise Vidocq (1744–1824, geborene Dion) in Arras in der Rue du Mirroir-de-Venise (1856 umbenannt in Rue des Trois Visages) geboren.

Kindheit und Jugend (1775–1794) [Bearbeiten]Über die Kindheit von Vidocq ist nur wenig bekannt. Der Vater war gebildet und, da er sich auch als Getreidehändler betätigte, für damalige Verhältnisse vermögend. Vidocq hatte sechs Geschwister: zwei ältere Brüder (wovon einer zum Zeitpunkt von Vidocqs Geburt bereits verstorben war), zwei jüngere Brüder und zwei jüngere Schwestern.

Vidocqs Jugendjahre waren turbulent. Er wird als unerschrocken, rauflustig und durchtrieben beschrieben, sehr begabt, jedoch auch sehr faul. Er verbrachte viel Zeit in den Waffensälen von Arras und erwarb den Ruf eines furchterregenden Fechters und den Beinamen „le Vautrin“ (dt. Wildschwein). Mit kleinen Diebereien verschaffte er sich den nötigen Luxus.

Mit dreizehn Jahren stahl er das Silbergeschirr seiner Eltern, brachte das dafür erhaltene Geld jedoch innerhalb eines Tages durch. Drei Tage nach dem Diebstahl wurde er verhaftet und in das lokale Gefängnis Baudets gebracht. Erst nach zehn Tagen erfuhr er, dass sein eigener Vater den Arrest veranlasst hatte. Nach insgesamt vierzehn Tagen wurde er wieder entlassen, aber selbst diese Warnung und weitere Strafen vermochten ihn nicht zu bändigen.

Mit vierzehn entwendete er einen großen Betrag aus der Geldkassette seiner Familie und versuchte sich in Ostende nach Amerika einzuschiffen. Dabei betrog man ihn und so stand er schließlich mittellos da. Um zu überleben, verdingte er sich als Gaukler, wobei er sich trotz regelmäßiger Prügel vom Stalljungen zum Jahrmarktsmonster hinaufarbeitete. In dieser Rolle als karibischer Kannibale musste er rohes Fleisch essen. Lange hielt er das nicht aus. Er wechselte zu einer Gruppe von Puppenspielern, aus der er jedoch verjagt wurde, weil er mit der jungen Frau seines Arbeitgebers angebandelt hatte. Nach einer Arbeit als Straßenhändler kehrte er nach Arras zurück, wo er seine Eltern um Verzeihung anflehte und von seiner Mutter mit offenen Armen empfangen wurde.

Am 10. März 1791 verpflichtete er sich dem Regiment der Bourbonen, wo er seinen Ruf als furchterregender Duellant bestätigte. Innerhalb von sechs Monaten focht er 15 Duelle und tötete dabei zwei Männer. Obwohl er weitere Schwierigkeiten verursachte, verbrachte er in dieser Zeit nur insgesamt 14 Tage im Gefängnis. Dabei half er einem Mitgefangenen erstmals bei einer erfolgreichen Flucht.

Nachdem Frankreich am 20. April 1792 Österreich den Krieg erklärt hatte, musste sich Vidocq während des ersten Koalitionskrieges oft an Kämpfen beteiligen. So nahm er im September 1792 an der Schlacht von Valmy teil und wurde am 1. November zum Korporal der Grenadiere ernannt. Während der Feier zum Anlass seiner Beförderung forderte er einen höheren Offizier zu einem Duell heraus. Als man ihn dafür vor das Kriegsgericht stellen wollte, desertierte er notgedrungen von seinem Regiment und wechselte zu den 11. Jägern, natürlich ohne seine Vorgeschichte zu erwähnen. Am 6. November 1792 kämpfte er unter General Dumouriez in der für die Franzosen erfolgreichen Schlacht von Jemappes gegen die Österreicher. Im April 1793 wurde er jedoch als Deserteur identifiziert und folgte daraufhin dem General bei dessen Wechsel ins feindliche Lager. Nach einigen Wochen kehrte Vidocq ins französische Lager zurück, da er sich aus Beteiligungen an Kampfhandlungen gegen seine Landsleute nicht mehr herauszureden vermochte. Ein befreundeter Jägerhauptmann vermittelte für ihn, woraufhin er wieder bei den Jägern aufgenommen wurde. Schließlich trat er aus der Armee aus, da er bei seinen Kameraden nicht mehr gerne gesehen war.

Mit 18 kehrte er nach Arras zurück und machte sich als Frauenheld einen Ruf. Da seine Verführungen oft in Duellen endeten, fand er sich am 9. Januar 1794 in dem ihm bereits bekannten Gefängnis Baudets wieder, aus dem man ihm am 21. Januar wieder entließ.

Am 8. August 1794 heiratete der gerade 19 Jahre alt gewordene Vidocq die fünf Tage ältere Marie Anne Louise Chevalier, nachdem diese vorgetäuscht hatte, schwanger zu sein. Die Ehe war von Anfang an nicht glücklich, und als Vidocq bemerkte, dass seine Frau ihn mit dem 14 Jahre älteren Adjutanten Pierre Laurent Vallain betrog, schwindelte er ihr ein wenig Geld ab und flüchtete zurück zur Armee. Erst 1805 sahen sie sich aus Anlass ihrer Scheidung wieder.

Abenteuerjahre und Gefängnis (1795–1800) [Bearbeiten]Vidocq blieb nicht lange bei der Armee. Im Herbst 1794 hielt er sich meist in Brüssel auf, damals ein Schlupfwinkel für Gauner aller Art, und lebte von kleinen Betrügereien. Dann geriet er eines Tages in eine Kontrolle der Polizei, Vidocq hatte jedoch als Deserteur keine gültigen Papiere. Er gab sich als Herr Rousseau aus Lille aus und entkam, während seine Angaben noch überprüft wurden.

1795 trat er – noch immer unter dem Namen Rousseau – der armée roulante (dt. Fliegenden Armee) bei. Diese Armee bestand aus Offizieren, die kein Patent und kein Regiment hatten. Mit Hilfe gefälschter Marschrouten, Ränge und Uniformen verschafften sie sich Unterkünfte und Rationen, blieben jedoch weit weg von den Schlachtfeldern. Vidocq alias Rousseau begann als Leutnant der Jäger, beförderte sich jedoch nach und nach zum Husarenhauptmann. In dieser Rolle lernte er eine reiche Witwe kennen, die Gefallen an ihm fand. Ein Vorgesetzter Vidocqs machte sie glauben, einen jungen Adeligen auf der Flucht vor sich zu haben. Kurz vor der geplanten Hochzeit bekam Vidocq jedoch Skrupel und beichtete. Danach verließ er die Stadt mit einem großzügigen Geldgeschenk ihrerseits.

Am 2. März 1795 erreichte er Paris, wo er in der Unterwelt nicht Fuß fassen konnte und einen Großteil seines Gelds wegen einer Frau verlor. Er ging zurück in den Norden und schloss sich einer Gruppe böhmischer Zigeuner an, welche er wiederum für eine Frau – Francine Longuet – verließ, die ihn kurze Zeit später mit einem Soldaten betrog. Er überraschte und verprügelte die beiden, worauf ihn der Soldat verklagte. Vidocq wurde im September 1795 zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, die er im Tour Saint-Pierre in Lille absitzen sollte.

Vidocq war 20 und passte sich schnell an das Leben im Gefängnis und die dort üblichen Gepflogenheiten an. Als seine drei Monate abgelaufen waren, wurde er jedoch nicht freigelassen. Drei seiner Mitgefangenen hatten ihn in eine Flucht verwickelt und nun wurde er der Dokumentenfälschung und Fluchtbeihilfe verdächtigt. Mit viel Ideenreichtum und Frechheit, aber auch Dank der Unterstützung der mittlerweile reuigen Francine, flüchtete er in den nächsten Wochen mehrmals, wurde jedoch immer wieder schnell aufgegriffen. Bei einem seiner Ausflüge aus dem Gefängnis ertappte ihn Francine, bei der er sich immer versteckte, mit einer anderen Frau. Daraufhin tauchte er für mehrere Tage völlig unter und erfuhr erst später, dass Francine durch mehrere Messerstiche verletzt aufgefunden worden war. Plötzlich sah er sich auch noch einer Anklage wegen versuchten Mordes gegenüber, die erst fallen gelassen wurde, als Francine angab, sich die Wunden selbst zugefügt zu haben. Sein Kontakt zu Francine brach schließlich ab, als sie wegen Fluchtbeihilfe zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Als er sie Jahre später das nächste Mal traf, war sie verheiratet.
Nach langer Verzögerung kam es doch noch zu dem Prozess wegen Dokumentenfälschung. Am 27. Dezember 1796 wurden Vidocq, der stets seine Unschuld beteuert hatte, und ein zweiter Angeklagter, César Herbaux, schuldig gesprochen und zu je acht Jahren Schwerstarbeit in einem Bagno verurteilt.

„Erschöpft von Misshandlungen aller Art, erschöpft von einer Überwachung, die seit meiner Verurteilung noch verdoppelt wurde, hütete ich mich wohl, Berufung einzulegen – ich hätte dann noch einige Monate länger im Untersuchungsgefängnis bleiben müssen. Was mich in meinem Entschluss noch bestärkte, war die Nachricht, dass die Verurteilten sofort nach Bicêtre abgeführt werden und von dort dem Hauptschub für das Zuchthaus zu Brest angegliedert werden sollten. Ich brauche wohl nicht erst bemerken, dass ich unterwegs zu flüchten hoffte.“

Le Malheureux Cloquemin Sous les Verroux, 1830, stellt den Transport in Ketten von Bicêtre zum Bagno darIm Gefängnis von Bicêtre musste er mehrere Monate auf den Transport ins Bagno von Brest warten. Ein Mitgefangener lehrte ihn die Kampftechnik Savate, was ihm später noch oft nützlich wurde. Ein Fluchtversuch am 3. Oktober 1797 scheiterte und brachte ihm acht Tage Kerkerhaft ein. Am 21. November erfolgte schließlich der Transport nach Brest. Obwohl sich auf dem Weg dorthin keine Gelegenheit für eine Flucht eröffnete, hatte er im Bagno selbst Glück. Bereits am 28. Februar 1798 glückte ihm als Matrose verkleidet die Flucht. Er wurde zwar unterwegs wegen fehlender Papiere noch einmal aufgegriffen, doch während man seine neuen Identitätsangaben als Auguste Duval überprüfte, entwendete er im Gefängnisspital den Habit einer Nonne und entkam mit dieser Tarnung erneut. In Cholet heuerte er als Ochsentreiber an und gelangte so bis nach Paris, Arras, Brüssel, Ancer und schließlich Rotterdam, wo ihn Holländer schanghaiten. Nach einer nur kurzen Karriere als Freibeuter wurde er erneut verhaftet und nach Douai gebracht, wo er als Vidocq identifiziert wurde. Daraufhin überstellte man ihn in das Bagno von Toulon, wo er am 29. August 1799 eintraf. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch entkam er schließlich am 6. März 1800 mit Hilfe einer Prostituierten erneut.

Die Wende (1800–1811)
Vidocq kehrte heimlich nach Arras zurück. Sein Vater war 1799 verstorben, so kam er bei seiner Mutter unter. Er versteckte sich fast ein halbes Jahr bei ihr, bevor er erkannt wurde und wieder floh. Unter einer falschen Identität als Österreicher lebte er einige Zeit mit einer Witwe zusammen, mit der er um 1802 auch nach Rouen zog. Vidocq baute sich einen guten Ruf als Kaufmann auf und ließ seine Mutter nachkommen. Schließlich holte ihn seine Vergangenheit aber wieder ein, er wurde verhaftet und nach Louvres gebracht. Dort erfuhr er, dass er in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, wogegen er auf Anraten des dortigen Staatsanwaltes Berufung einlegte. Während der folgenden fünf Monate, in denen er im Gefängnis auf ein Ergebnis wartete, benachrichtigte ihn Louise Chevalier von der Scheidung. Am 28. November 1805 entwich er schließlich erneut, indem er in einem unbeaufsichtigten Moment aus einem Fenster in die daran vorbeifließende Scarpe sprang. Die nächsten vier Jahre verbrachte er wieder auf der Flucht.

So hielt er sich einige Zeit in Paris auf, wo er Zeuge der Hinrichtung von César Herbaux wurde, jenes Mannes, mit dem Jahre zuvor durch die Verurteilung wegen Fälschung seine Probleme angefangen hatten. Bei Vidocq setzte erstmals ein Umdenkprozess ein. Gemeinsam mit seiner Mutter und einer Frau – er nannte sie in seinen Memoiren Annette –, die er auch Jahre später noch als Liebe seines Lebens bezeichnete, zog er in den nächsten Jahren mehrmals um. Immer wieder begegneten ihm Personen aus seiner Vergangenheit, die den mittlerweile als Kaufmann zu Geld Gekommenen erpressten.

Das Pariser Staatsgefängnis La Force
Am 1. Juli 1809 wurde Vidocq kurz vor seinem 34. Geburtstag erneut verhaftet. Er beschloss nun endgültig, sein Leben am Rand der Gesellschaft zu beenden und bot der Polizei seine Dienste an. Sein Angebot wurde angenommen, und so sperrte man ihn am 20. Juli in Bicêtre ein, wo er seine Arbeit als Spitzel begann. Am 28. Oktober setzte er diese Arbeit im Pariser Staatsgefängnis La Force fort. Insgesamt 21 Monate lang horchte er seine Mitgefangenen aus und leitete über Annette seine Informationen zu gefälschten Identitäten und bisher unaufgeklärten Verbrechen an den Pariser Polizeichef Jean Henry weiter.

„Ich glaubte, ich hätte ewig Spitzel bleiben können, so fern war man dem Gedanken, in mir einen Agenten der Polizei zu vermuten. Selbst die Türschließer und die Wärter hatten keine Ahnung von der Mission, die mir anvertraut war. Ich wurde von den Dieben geradezu angebetet, die rohesten Banditen achteten mich, – auch diese Leute kennen ein Gefühl, das sie Achtung nennen. Ich konnte zu jeder Zeit auf ihre Ergebenheit rechnen. Sie hätten für mich durchs Feuer gehen mögen.“

Schließlich wurde Vidocq auf Empfehlung von Henry aus dem Gefängnis entlassen. Um kein Misstrauen unter seinen Mitgefangenen zu verursachen, arrangierte man eine „Flucht“, die am 25. März 1811 stattfand. Frei war er deshalb jedoch nicht, denn nun war er Henry verpflichtet. Deshalb setzte er seine Tätigkeit für die Pariser Polizei als Geheimagent fort. Er nutzte seine Kontakte und den Ruf seines Namens in der Halb- und Unterwelt, um sich Vertrauen zu erschleichen, verkleidete sich als entflohener Sträfling, tauchte in das Netzwerk von Helfern der kriminellen Szene ab und nahm, teils eigenhändig, gesuchte Straftäter fest. Seine Erfolgsrate war hoch.

Die Sûreté (1811–1832)
Ende 1811 organisierte Vidocq inoffiziell die Brigade de la Sûreté (dt. Sicherheitsbrigade). Nachdem das Polizeiministerium den Wert der Zivilagenten erkannt hatte, wurde aus dem Experiment im Oktober 1812 offiziell eine Sicherheitsbehörde unter dem Dach der Pariser Polizei. Vidocq wurde zu ihrem Chef ernannt. Am 17. Dezember 1813 schließlich unterschrieb Napoléon Bonaparte ein Dekret, das aus der Brigade eine staatliche Sicherheitspolizei machte, die sich ab diesem Tag Sûreté Nationale nannte.

Die Sûreté hatte anfangs acht, dann zwölf, 1823 schließlich 20 Mitarbeiter, und erfuhr im folgenden Jahr noch eine Aufstockung auf 28 Geheimagenten. Dazu kamen acht Personen, die im Geheimen für die Sicherheitsbehörde arbeiteten, aber statt eines Gehaltes die Lizenz für eine Spielhalle erhielten. Wie Vidocq selbst stammte ein Großteil seiner Untergebenen aus dem kriminellen Milieu. Manche holte er für ihre Tätigkeit erst aus den Bagnos heraus, wie z. B. Coco Lacour, den er selbst in seiner Anfangszeit als Spitzel ins Gefängnis gebracht hatte und der später sein Nachfolger als Chef der Sûreté werden sollte. Vidocq beschrieb den Dienst aus dieser Zeit:

„Mit diesem so winzigen Personal mussten über zwölfhundert Entlassene aus den Zuchthäusern und Gefängnissen und ähnliche Individuen beaufsichtigt, ferner vier- bis fünfhundert Verhaftungen sowohl im Namen des Polizeipräfekten wie der Gerichtsbehörden vorgenommen, Nachforschungen angestellt, allerhand Gänge besorgt, die im Winter so beschwerlichen verschiedenartigen Nachtrunden gemacht werden. Außerdem musste die Sicherheitsbrigade die Polizeikommissare bei Haussuchungen und beim mündlichen Verhör unterstützen, die öffentlichen Versammlungen in und außerhalb der Stadt besuchen und die Eingänge zu den Theatern, die Boulevards, die Schenken vor den Toren und alle anderen Orte, wo sich Beutelschneider und Spitzbuben ein Rendezvous geben, überwachen.“

Vidocq bildete seine Agenten persönlich aus, z. B. in Hinsicht auf die richtige Kostümierung für einen Auftrag. Auch selbst ging er immer noch auf die Jagd nach Kriminellen. Seine Memoiren enthalten zahlreiche Geschichten darüber, wie er Verbrecher unterschiedlichster Gattung überlistete, sei es nun als verlassener Ehemann, der die Blüte seiner Jahre schon längst hinter sich hatte, oder aber als Bettler. Er schreckte nicht mal vor der Simulation seines eigenen Todes zurück.

Doch trotz seiner Position als Chef einer Polizeibehörde war Vidocq nach wie vor ein gesuchter Krimineller. Seine Verurteilung wegen Dokumentenfälschung hatte er nie vollständig abgesessen und so erhielten seine Vorgesetzten neben Beschwerden und Denunziationen immer wieder auch Anfragen des Gefängnisdirektors von Douai, die jedoch ignoriert wurden. Erst am 26. März 1817 veranlasste Comte Jules Anglès, der Pariser Polizeipräfekt, auf eine Petition von Vidocq hin dessen offizielle Begnadigung durch König Ludwig XVIII..

Honoré de Balzac
Im November 1820 heiratete Vidocq erneut, die mittellose Jeanne-Victoire Guérin, über deren Herkunft nichts bekannt ist, was damals zu einigen Spekulationen führte. Sie zog in sein Haus in die Rue de l'Hirondelle 111, wo auch Vidocqs Mutter und deren Nichte, die 27-jährige Fleuride-Albertine Maniez (* 22. März 1793), lebten. 1822 lernte er Honoré de Balzac kennen, der Vidocq als Vorbild mehrerer Figuren in seinen Werken verwendete. Vidocqs Ehefrau, die Zeit ihres Ehelebens kränklich war, starb keine vier Jahre nach der Eheschließung im Juni 1824 in einem Krankenhaus. Sechs Wochen später, am 30. Juli, starb auch seine 83-Jährige Mutter, die er in allen Ehren bestatten ließ.

Während der 1820er Jahre traten einige Ereignisse ein, die sich auch auf den Polizeiapparat auswirkten. Nach der Ermordung des Duc de Berry im Februar 1820 musste der bisherige Polizeipräfekt Anglès zurücktreten und wurde durch den Jesuiten Guy Delavau ersetzt, der großen Wert auf die Religiosität seiner Untergebenen legte. 1824 starb Ludwig XVIII. Sein Nachfolger wurde der ultrareaktionäre Karl X., der repressiv herrschte und zu diesem Zweck immer wieder Agenten von ihren eigentlichen Tätigkeiten abberief. Schließlich ging auch noch Polizeichef Henry, der Vidocq Jahre zuvor angestellt hatte, in Pension. Ihm folgte Parisot, den man aber rasch durch den ambitionierten, aber auch sehr formellen Marc Duplessis ersetzte. Die Abneigung zwischen ihm und Vidocq war groß. Immer wieder beschwerte sich Duplessis wegen der Aufenthalte von Vidocqs Agenten in Bordellen und Lokalen mit üblem Ruf, wo diese Kontakte knüpften und Informationen sammelten. Nachdem Vidocq innerhalb kürzester Zeit zwei Verwarnungen erhielt, hatte er genug. Am 20. Juni 1827 reichte der 52-Jährige seinen Rücktritt ein:

« Depuis dix-huit ans, je sers la police avec distinction. Je n'ai jamais reçu un seul reproche de vos prédécesseurs. Je dois donc penser n'en avoir pas mérité. Depuis votre nomination à la deuxième division, voilà la deuxième fois que vous me faites l'honneur de m'en adresser en vous plaignant des agents. Suis-je le maître de les contenir hors du bureau? Non. Pour vous éviter, monsieur, la peine de m'en adresser de semblables à l'avenir, et à moi le désagrément de les recevoir, j'ai l'honneur de vous prier de vouloir bien recevoir ma démission. »

„Achtzehn Jahre lang habe ich der Polizei mit Auszeichnung gedient. Ich habe nie einen einzigen Vorwurf von Ihren Vorgängern erhalten. Ich muss daher glauben, dass ich nie einen verdient habe. Seit Ihrer Ernennung zu der Zweiten Abteilung ist das das zweite Mal, dass Sie mir die Ehre antun, sich an mich zu wenden und sich über meine Agenten zu beklagen. Bin ich ihr Herr und Gebieter in ihren außerdienstlichen Zeiten? Nein. Um Ihnen, mein Herr, die Mühe zu ersparen, sich zukünftig mit weiteren ähnlichen Beschwerden an mich zu wenden, und mir selbst die Unannehmlichkeit sie zu erhalten, habe ich die Ehre, Sie zu bitten, meine Abdankung entgegennehmen zu wollen.“

Anschließend schrieb er seine Memoiren, in denen er die Notwendigkeit und die Effektivität seiner Sicherheitspolizei darstellte und wandte sich strikt gegen die politische Polizei:

„Denn politische Polizei heißt: eine Einrichtung hervorgerufen durch den Wunsch, sich auf Kosten des Staates zu bereichern, dessen Unruhe man beständig künstlich in Atem hält. Politische Polizei ist gleichbedeutend mit dem Bedürfnis, Geheimgelder aus dem Budget zu beziehen, mit dem Bedürfnis gewisser Beamten, sich selbst als unentbehrlich zu zeigen, indem der Staat in angeblicher Gefahr gezeigt wird.“

Vidocq, der nach seinem Rücktritt ein reicher Mann war, wurde nun Unternehmer. In Saint-Mandé, einem Ort nördlich von Paris, wo er am 28. Januar 1830 auch seine Cousine Fleuride Maniez heiratete, gründete er eine Papierfabrik und stellte vorwiegend entlassene Zuchthäusler – sowohl Männer als auch Frauen – ein. Das stellte einen unerhörten Skandal dar, der zu Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft führte. Dazu kosteten die Maschinen Geld, die Arbeiter, die erst angelernt werden mussten, brauchten Essen und Kleidung, und schließlich weigerten sich seine Kunden Marktpreise zu bezahlen. Der Betrieb konnte sich nicht lange halten – Vidocq machte 1831 als Fabrikant Bankrott. Polizeipräfekt Delavau und Polizeichef Duplessis mussten in seiner Abwesenheit zurücktreten und Karl X. während der Julirevolution 1830 abdanken. Nachdem Vidocq wertvolle Tipps zur Aufdeckung eines Einbruchs lieferte, setzte ihn der neue Polizeipräfekt Henri Gisquet wieder als Chef der Sûreté ein.

Doch die Kritik an ihm und seiner Organisation wuchs. Am 5. Juni 1832 ging seine Truppe angeblich mit großer Härte gegen Unruhen vor, die im Rahmen einer Cholera-Epidemie beim Begräbnis von General Jean Maximilien Lamarque ausbrachen und den Thron des „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe gefährdeten. Dazu kam, dass Vidocq im Verdacht stand, jenen Diebstahl, dessen Aufklärung ihm seine Wiedereinstellung einbrachte, selbst initiiert zu haben, um seine Unentbehrlichkeit zu beweisen. Einer seiner Agenten wurde wegen dieser Affäre zu zwei Jahren Haft verurteilt. Schließlich beriefen sich immer öfter Verteidiger darauf, dass er und seine Agenten durch ihre Vergangenheit als Kriminelle als Augenzeugen unglaubwürdig wären. Damit wurde Vidocqs Position endgültig unhaltbar. Am 15. November 1832 reichte er unter dem Vorwand einer Krankheit seiner Frau erneut seinen Rücktritt ein.

« J'ai l'honneur de vous informer que l'état maladif de mon épouse m'oblige de rester à Saint-Mandé pour surveiller moi-même mon établissement. Cette circonstance impérieuse m'empêchera de pouvoir à l'avenir diriger les opérations de la brigade de sûreté. Je viens vous prier de vouloir bien récepter ma démission, et recevoir mes sincères remerciements pour toutes les marques de bonté dont vous avez daigné me combler. Si, dans une circonstance quelconque, j'étais assez heureux pour vous servir, vous pouvez compter sur ma fidélité et mon dévouement à toute épreuve. »

„Ich habe die Ehre, Sie zu informieren, dass die Kränklichkeit meiner Ehefrau mich zwingt, in Saint-Mandé zu bleiben, um mein Etablissement selbst zu überwachen. Dieser dringende Umstand wird mich daran hindern, in Zukunft die Operationen der Sicherheitsbrigade lenken zu können. Ich bitte Sie, meine Abdankung entgegen zu nehmen, und meinen aufrichtigen Dank für alle Zeichen der Güte, mit denen mich zu überhäufen sie geruht haben, zu empfangen. Ja, unter allen Umständen war ich glücklich, Ihnen dienen zu können, Sie können auf meine Treue und Hingabe auf jeden Fall zählen.“

– Vidocq in seinem Abschiedsgesuch vom 15. November 1832

Noch am selben Tag wurde die Sûreté aufgelöst und neu gegründet. Agenten mit Vorstrafen waren nun nicht mehr erlaubt. Vidocqs Nachfolger wurde Pierre Allard.


Le bureau des renseignements (1833–1848)
Vidocq gründete 1833 Le bureau des renseignements (dt. Nachrichtenbüro), ein Unternehmen, das zwischen einem Detektiv- bzw. Auskunftsbüro und einer Privatpolizei einzustufen ist und als erstes Unternehmen dieser Art gilt.[6] Wieder stellte er vorwiegend ehemalige Kriminelle ein. Seine Truppe, die anfangs aus elf Detektiven, zwei Beamten und einem Sekretär bestand, nahm im Auftrag von Geschäfts- und Privatleuten den Kampf gegen Faiseurs (Gauner, Betrüger, Bankrotteure) auf, wobei sie gelegentlich auch illegale Mittel nutzen.[7] Ab 1837 stand er wegen seiner Tätigkeit und diffusen Beziehungen zu diversen Regierungsbehörden wie dem Kriegsministerium in ständigen Auseinandersetzungen mit der offiziellen Polizei. Am 28. November 1837 unternahm die Polizei eine Haussuchung und beschlagnahmte über 3.500 Akten und Dokumente. Vidocq wurde einige Tage später festgenommen und verbrachte Weihnachten und Neujahr im Gefängnis. Ihm wurden drei Verbrechen zur Last gelegt, nämlich Aneignung von Geld durch arglistige Täuschung, die Korruption von Beamten des öffentlichen Dienstes und die Anmaßung öffentlicher Funktionen. Im Februar 1838 lehnte der zuständige Richter nach Anhörungen zahlreicher Zeugen alle drei Anklagen ab, Vidocq war wieder frei.

Vidocqs Person wurde zunehmend zum Gegenstand der Literatur und der öffentlichen Diskussion. Balzac schrieb mehrere Romane und Theaterstücke, in denen Figuren nach Vidocqs Vorbild auftauchten.

Die Conciergerie
Die Agentur florierte, doch Vidocq schuf sich weiter zum Teil mächtige Feinde. Am 17. August 1842 stürmten 75 Polizeibeamte im Auftrag des Pariser Polizeipräfekten Gabriel Delessert sein Bürogebäude und verhafteten ihn und einen seiner Agenten, diesmal schien der Fall eindeutig. Er hatte in Ermittlungen wegen Unterschlagung eine unrechtmäßige Verhaftung vorgenommen und dem verhafteten Betrüger einen Wechsel über das erschwindelte Geld abverlangt. Die nächsten Monate verbrachte der mittlerweile 67-jährige Vidocq in Untersuchungshaft in der Conciergerie. Erst am 3. Mai 1843 fanden die ersten Anhörungen vor dem Richter Michel Barbou, einem engen Bekannten von Delessert, statt. Während der Verhandlungen musste Vidocq auch für viele andere Fälle Rechenschaft ablegen, so unter anderem für die Entführung mehrerer Frauen, die er angeblich gegen deren Willen im Auftrag ihrer Familien in Klöster gebracht hatte. Auch seine Tätigkeit als Geldgeber und eventuelle Vorteile, die er daraus gezogen hatte, wurden durchleuchtet. Schließlich verurteilte ihn das Gericht zu fünf Jahren Haft und 3.000 Franc Geldstrafe. Vidocq ging sofort in Berufung und erhielt durch die Intervention politischer Freunde wie des Grafen Gabriel de Berny und des Generalstaatsanwaltes Franck-Carré rasch einen neuen Prozess, dieses Mal vor dem Vorsitzenden Richter des court royale. Die Verhandlung am 22. Juli 1843 war eine Sache von Minuten, nach elf Monaten in der Conciergerie war Vidocq wieder ein freier Mann.

Doch der Schaden war angerichtet. Das Verfahren war sehr teuer und sein Ruf hatte Schaden genommen, weshalb auch die Geschäfte in der Agentur nicht mehr richtig liefen. Dazu versuchte Delessert ihn als ehemaligen Kriminellen der Stadt verweisen zu lassen. Der Versuch scheiterte zwar, doch Vidocq überlegte immer öfter, die Agentur loszuwerden. Einzig qualifizierte und zugleich einigermaßen seriöse Käufer fehlten.

Vidocq veröffentlichte in den kommenden Jahren mehrere kleine Bücher, in denen er sein Leben darstellte, in direkter Auseinandersetzung mit den freien Schilderungen, die über ihn kursierten. Außerdem legte er 1844 einen Essay über Gefängnisse, Zuchthäuser und die Todesstrafe vor. Am Morgen des 22. September 1847 starb auch seine dritte Frau Fleuride nach 17 Ehejahren. Vidocq heiratete nicht mehr, lebte aber bis an sein Lebensende mit Partnerinnen zusammen.

1848 brach in Paris die Februarrevolution aus, bei der „Bürgerkönig“ Louis-Philippe abgesetzt wurde. Die Zweite Republik mit Alphonse de Lamartine an der Spitze einer Übergangsregierung wurde ausgerufen. Und obwohl Vidocq vorher auf seine Empfänge bei Hof stolz war und sich seines Zugangs zu Louis-Philippe rühmte, bot er seine Dienste nun unmittelbar der neuen Regierung an. Seine Aufgabe in den nächsten Monaten bestand in der Überwachung politischer Gegner wie Charles-Louis-Napoléon, des Neffen von Napoléon Bonaparte. Währenddessen versank die neue Regierung in Chaos und Gewalt. Bei den für den 10. Dezember 1848 angesetzten Präsidentenwahlen erhielt Lamartine weniger als 8.000 Stimmen. Vidocq selbst stellte sich im 2. Arrondissement auch zur Wahl auf, erhielt aber nur eine Stimme. Eindeutiger Gewinner und damit Präsident der Zweiten Republik wurde Charles-Louis-Napoléon, der auf Vidocqs Angebot, für ihn zu arbeiten, nicht reagierte.

Die letzten Jahre (1849–1857)
Vidocq musste 1849 noch ein letztes Mal kurz ins Gefängnis, die Anklage wegen Betrugs wurde jedoch fallen gelassen. Er zog sich mehr und mehr ins Privatleben zurück und übernahm meist nur noch kleine Aufträge. In den letzten Jahren seines Lebens litt er unter massiven Schmerzen an einem in Kämpfen gebrochenen und nie richtig verheilten Arm. Dazu hatten ihn Fehlinvestitionen einen großen Teil seines Vermögens gekostet, weshalb er seinen Lebensstandard einschränken und wieder zur Miete wohnen musste. Im August 1854 überlebte er trotz anders lautender Prognosen seines Arztes die Cholera. Erst im April 1857 verschlechterte sich sein Zustand derart, dass er nicht mehr aufzustehen vermochte. Am 11. Mai 1857 starb Vidocq im Alter von 82 Jahren im Beisein seines Arztes, seines Anwalts und eines Pfarrers.

« Je l'aimais, je l'estimais… Je ne l'oublierai jamais, et je dirai hautement que c'était un honnête homme! »

„Ich mochte ihn, ich schätzte ihn… Ich werde ihn nie vergessen, und ich kann nur sagen, er war ein ehrlicher Mann!“

– Alphonse de Lamartine


Eintrag in das Sterberegister von Saint-DenysSeine Leiche wurde in die Kirche Saint-Denys gebracht, wo auch der Trauergottesdienst stattfand. Es ist nicht bekannt, wo Vidocq begraben ist, weshalb sich darum einige Gerüchte ranken. Eines davon, das beispielsweise in der Biografie von John Philip Stead erwähnt wird, ist, dass sein Grab am Friedhof von Saint Mandé liegt.[9] Dort befindet sich ein Grabstein mit der Aufschrift „Vidocq 18“. Laut Auskunft der Stadt ist dieses Grab jedoch auf Vidocqs letzte Ehefrau Fleuride-Albertine Maniez registriert.

Sein Vermögen bestand zum Schluss aus 2.907,50 Franc aus dem Verkauf seiner Güter und 867,50 Franc Pension.[6] Insgesamt elf Frauen meldeten sich als Besitzer eines letzten Willens, den sie für ihre Gunst anstelle von Geschenken erhalten hatten. Sein verbliebenes Vermögen erhielt Anne-Heloïse Lefèvre, bei der er zum Schluss gewohnt hatte. Vidocq hatte keine Kinder, zumindest keine, die bekannt wären. Anerkennungsversuche von Emile-Adolphe Vidocq, dem Sohn seiner ersten Ehefrau, der zu diesem Zweck seinen Nachnamen geändert hatte, scheiterten. Vidocq hatte Beweise hinterlassen, die seine Vaterschaft ausschlossen. Zum Zeitpunkt der Empfängnis war er im Gefängnis.


Vidocqs Person
Auch wenn eine Vielzahl literarischer und vermeintlich realer Schriften das Leben und die Person Vidocqs darstellen oder sich zumindest an ihm anlehnen, bleiben doch seine Memoiren aus dem Jahr 1827 die beste Quelle, um seine Persönlichkeit zu erfassen. Seine Biografen sind sich einig: Vidocq war ein eindimensionaler Mensch mit einem engen Blickwinkel auf das Leben und seine Zeit.

Er lebte in turbulenten Zeiten, die französische Revolution prägte das Umfeld seiner Jugend, Napoléon Bonaparte und die napoleonischen Kriege waren der Grund seines Eintritts in die Armee. Die Restauration bot ihm die Möglichkeit, nicht nur in die Pariser Polizei einzutreten, sondern sie zu formen, und die Unruhen des Jahres 1832 und schließlich der Februarrevolution würfelten die Gesellschaft durcheinander. Vidocq sah das alles nicht. Ihn interessierte nur sein eigenes Leben.

„Für Vidocq haben Eruptionen, unter denen Europa Landesgrenzen änderte, nur Existenz, soweit sie ihm zu Fressen und Frauen verhelfen.“

– Ludwig Rubiner im Vorwort zu seiner Übersetzung von Vidcoqs Memoiren Landstreicherleben, S. 7

Die Kriege waren nur Gelegenheit zum Untertauchen, der Staat existierte in der Frage nach dem Namen, dem Pass und den Vorstrafen. Irgendein eigenes Verständnis von Staat oder Gesellschaft entwickelte Vidocq nie. Seine lockere Art, die Seiten zu wechseln, war die logische Folge; er kannte keine Loyalität, er fühlte sich nichts verbunden – nicht seinen Frauen, seinen Kameraden, den Mitgliedern seiner Truppe oder einer Idee.

Kriminalistisches Vermächtnis
Vidocq gilt unter Historikern heute als „Vater“ der modernen Kriminalistik. Seine Vorgehensweise war für die damalige Zeit neuartig und einmalig. Ihm werden die Einführung der Undercover-Arbeit, Ballistik-Tests und des Dateikartensystems bei der Polizei zugeschrieben. Dabei wurde sein Wirken aufgrund seiner kriminellen Vergangenheit in Frankreich lange nicht anerkannt. Im September 1905 stellte die Sûreté Nationale eine Gemäldereihe mit den ehemaligen Oberhäuptern der Behörde aus. Das erste Gemälde der Reihe zeigte allerdings Pierre Allard, den Vidocq als seinen Nachfolger vorgeschlagen hatte. Die Zeitung L’Exclusive berichtete am 17. September 1905, dass sie auf Anfrage bezüglich der Auslassung die Auskunft erhalten hätte, dass Vidocq nie Chef der Sûreté gewesen sei.

Umgestaltung des Polizeiapparats
Als Vidocq um 1810 auf die Seite der Polizei wechselte, gab es in Frankreich zwei Polizeiorganisationen: Zum einen die police politique (dt. politische Polizei), deren Agenten sich mit der Aufdeckung von Verschwörungen und Intrigen beschäftigen, zum anderen die normale Polizei, die alltägliche Verbrechen wie Diebstahl, Betrug, Prostitution und Mord untersuchte. Bereits im Mittelalter trugen deren Gendarmen Identifizierungsinsignien, aus denen sich im Laufe der Zeit vollständige Uniformen entwickelt hatten. Im Gegensatz zu der auch verdeckt agierenden politischen Polizei waren sie leicht zu erkennen. Die uniformierten Gendarmen konnten sich in manche Pariser Stadtteile aus Furcht vor Übergriffen nicht wagen, ihre Möglichkeiten bei der Kriminalprävention waren dementsprechend eingeschränkt.

Vidocq überredete seine Vorgesetzten, die Agenten seiner Sicherheitsbrigade, zu denen auch Frauen gehörten, in Zivil oder der Situation entsprechend verkleidet einzusetzen. Sie fielen somit nicht auf und kannten als ehemalige Kriminelle die Schlupfwinkel und Methoden der Kriminellen. Über ihre Kontakte erfuhren sie teils von geplanten Verbrechen und fassten die Verbrecher dadurch oft auf frischer Tat. Auch Vidocqs Verhöre liefen anders ab als üblich: In seinen Memoiren erzählt er mehrmals, wie er mit gerade Verhafteten nicht direkt zum Gefängnis gefahren ist, sondern sie zuvor zum Essen einlud, bei dem er sich mit ihnen unterhielt. Neben Informationen zu anderen Verbrechen, die er dabei oft beiläufig erhielt, führte diese gewaltlose Methode auch oft zu Geständnissen und dem Anwerben künftiger Informanten und sogar Agenten.

August Vollmer, erster Polizeichef von Berkeley und eine der führenden Persönlichkeiten in der Entwicklung der Kriminalpolizei in den Vereinigten Staaten[10], beschäftige sich im Rahmen der Polizeireform vor allem mit den Werken von Vidocq und dem österreichischen Kriminologen Hans Gross.[11] Seine Reformen wurden von der International Association of Chiefs of Police (IACP) übernommen, deren Präsident er war, und wirkten sich in Folge dessen aus auf J. Edgar Hoover und das von ihm geleitete FBI, das 1908 von Bonapartes Großneffen Charles Joseph Bonaparte gegründet worden war.[12] Robert Peel, der 1829 in seiner Funktion als britischer Innenminister Scotland Yard gründete, entsandte 1832 eine Kommission nach Paris, die sich mehrere Tage mit Vidocq besprach. 1843 reisten erneut zwei Kommissare von Scotland Yard zur Weiterbildung nach Paris. Sie verbrachten allerdings nur zwei Tage mit dem Sûreté-Chef Allard und sprachen anschließend bei Vidocq vor. Eine Woche lang begleiteten sie ihn und seine Agenten bei deren Arbeit.

Identifikation von Verbrechern
BertillonageJürgen Thorwald bescheinigt Vidocq in seinem Werk Das Jahrhundert der Detektive ein fotografisches Gedächtnis, das es ihm ermöglichte, bereits auffällig gewordene Kriminelle selbst in Verkleidung jederzeit zu erkennen. Der Biograf Samuel Edwards berichtet in The Vidocq Dossier von einer Verhandlung gegen den Betrüger und Fälscher Lambert, in der er sich selbst auch auf sein Gedächtnis bezog. Vidocq besuchte regelmäßig die Gefängnisse, um sich die Inhaftierten einzuprägen. Auch seine Agenten waren zu diesen Besuchen verpflichtet. Die englische Polizei übernahm diese Methode. Noch bis in die späten 1980er Jahre besuchten englische Detektive Gerichtsverhandlungen, um die Zuschauer auf den öffentlichen Galerien zu beobachten und auf eventuelle Komplizen aufmerksam zu werden.

Wie Vidocq bei der Lambertschen Gerichtsverhandlung sagte, war zwar sein Gedächtnis phänomenal, er konnte dies jedoch nicht bei seinen Agenten voraussetzen. Deshalb legte er zu jedem Verhafteten sorgfältig eine Karteikarte an, die eine Personalbeschreibung, Pseudonyme, frühere Verurteilungen, die typische Vorgehensweise und sonstige Informationen enthielt. Die Karteikarte vom Fälscher Lambert enthielt u.a. eine Schriftprobe. Das Karteikartensystem wurde nicht nur von der französischen Polizei beibehalten, sondern auch von Polizeieinheiten anderer Länder übernommen. Allerdings offenbarte es in den nächsten Jahren auch seine Schwächen. Als Alphonse Bertillon 1879 als Hilfsschreiber zur Sûreté kam, waren die auf den Kärtchen festgehaltenen Beschreibungen der Kriminellen schon längst nicht mehr detailliert genug, um Verdächtige auch tatsächlich nur mit deren Hilfe identifizieren zu können. Das veranlasste Bertillon zur Entwicklung eines anthropometrischen Systems der Personenidentifizierung, der Bertillonage. Die Sortierung der Karteikästen, die zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Räume füllten, wurde auf Körpermaße umgestellt, der erste von vielen Versuchen, Struktur und Aufbau der Sortierung zu verbessern. Mit Beginn des Informationszeitalters wurden die Karteikarten digitalisiert und die Karteikartensysteme von Datenbanksystemen abgelöst. Dazu gehören unter anderem vom FBI verwaltete Datenbanken wie das biometrische IAFIS, ein AFIS, das alle in der USA gesammelten Fingerabdrücke enthält, das MUPS (Missing/Unidentified Persons System), das Daten zu vermissten Personen und unidentifizierten Leichen enthält, und das NIBRS (National Incident Based Reporting System), das kriminelle Vorfälle dokumentiert.

Experimente – Der Glaube an die Wissenschaft
Eine forensische Wissenschaft gab es zu Vidocqs Zeiten noch nicht. Trotz zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen war der praktische Nutzen durch die Polizei noch nicht erkannt worden, was auch Vidocq nicht ändern sollte. Dennoch war er Experimenten gegenüber nicht so abgeneigt wie seine Vorgesetzten, hatte im jeweiligen Bürogebäude auch meist ein kleines Laboratorium eingerichtet. In den Archiven der Pariser Polizei befinden sich einige Berichte von Fällen, zu deren Aufklärung er bereits Jahrzehnte vor ihrer tatsächlichen Anerkennung forensische Methoden anwandte.

Chemische Verbindungen
Im Frankreich zu Vidocqs Zeit gab es bereits Schecks und Wechsel. Fälscher kauften Schecks auf und änderten diese zu ihren Gunsten. Um dem Problem zu begegnen, beauftragte Vidocq 1817 zwei Chemiker mit der Entwicklung eines fälschungssicheren Papiers. Dieses Papier, für das Vidocq ein Patent anmeldete, war mit Chemikalien behandelt, die bei nachträglichen Änderungen die Tinte verschmieren ließen, wodurch Scheckfälschungen zu erkennen waren. Laut dem Biografen Edwards nutzte Vidocq seine Kontakte ausgiebig und bewarb das Papier gegenüber den Betrogenen, hauptsächlich Bankiers, die ihn mit der Ausforschung der Betrüger beauftragten. Dadurch fand das Papier weite Verbreitung. Vidocq nutzte es zusätzlich für seine Karteikarten, um dadurch deren Zuverlässigkeit vor Gericht hervorheben zu können. Zudem ließ er eine Tinte herstellen, die sich nicht mehr unsichtbar machen ließ. Diese wurde unter anderem ab Mitte der 1860er Jahre von der Französischen Regierung für den Druck von Banknoten genutzt.

Tatortuntersuchungen
Louis Mathurin Moreau-Christophe, zeitgenössischer Generalinspektor der französischen Gefängnisse, beschreibt in seinem Buch Le monde des coquins, wie Vidocq Spuren am Tatort nutzte, um anhand seiner Kenntnisse über die Verbrecher und deren Vorgehensweise den Täter zu ermitteln. Als konkretes Beispiel nennt Moreau-Christophe einen Einbruchsdiebstahl in der Bibliothèque Royale 1831, bei dessen Untersuchung er selbst auch anwesend war. Vidocq inspizierte dabei ein Paneel der Tür, die der Täter aufgebrochen hatte, genauer und erklärte, dass aufgrund der angewendeten Methode und der Perfektion, mit der diese ausgeführt worden wäre, eigentlich nur ein Täter infrage kommen könne, der Dieb Fossard, der allerdings momentan im Gefängnis säße. Er erhielt daraufhin von dem ebenfalls anwesenden Polizeichef Lecrosnier die Auskunft, dass Fossard vor acht Tagen ausgebrochen sei. Zwei Tage später konnte Vidocq den Dieb verhaften, der den Einbruch auch tatsächlich begangen hatte.

Spurensicherung
Die Karteikarte für den Dieb Hotot dokumentiert einen der ersten Fälle der Überführung eines Kriminellen durch seine am Tatort hinterlassenen Schuhabdrücke. Der ihm bekannte Dieb war Vidocq wegen dessen nasser und mit Schlamm beschmutzter Kleidung aufgefallen. Als er zum Tatort eines Diebstahls gerufen wurde, fielen ihm im Garten des Hauses Schuhabdrücke auf. Er holte die Schuhe des Diebes und ließ sie mit den Spuren vergleichen. Mit der Übereinstimmung der Abdrücke konfrontiert, gestand der Dieb. Um 1910 formulierte der forensische Pionier Edmond Locard, Direktor des französischen Polizeilabors in Lyon, das bereits von Vidocq genutzte Prinzip als Locard’sche Regel: Kein Kontakt ohne Materialübertragung. Dessen Anwendung, das neben Finger- und Schuhabdrücken auch Reifen- und Schmauchspuren, Fasern, DNA-Rückstände und vieles mehr umfasst, ist heute gängiges Mittel zur Täterüberführung und wird durch Experten durchgeführt.

Daktyloskopie
Fingerabdrücke wurden bereits von den antiken Babyloniern und den amerikanischen Ureinwohnern von Nova Scotia als Unterschriften genutzt. 1684 schrieb der britische Botaniker Nehemia Grew erstmals eine Arbeit über die Muster an den Fingerkuppen, die er dem Royal College of Physicians of London präsentierte. 1823 veröffentlichte Jan Evangelista Purkyně eine Arbeit, in der er über die Individualität von Fingerabdrücken schrieb und eine erste Klassifikation vornahm. Es ist nicht bekannt, ob Vidocq diese Arbeit gelesen hat, aber sowohl Balzac als auch Hugo haben beide laut dem Biografen Edwards Notizen hinterlassen, aus denen hervorgeht, dass er sich ab etwa dieser Zeit mit Fingerabdrücken beschäftigte und sich zu diesem Zweck auch ein Huygens-Mikroskop zulegte. Anscheinend diskutierte er mit seinen Freunden über seine Experimente und war fest davon überzeugt, sie zur Identifizierung von Verbrechern nutzen zu können. Dumas schrieb, dass sich Vidocq auf die Suche nach einem Physiker gemacht habe, den er von seinen Ideen überzeugen konnte. Währenddessen ‚überredete‘ er Gefangene aus Bicêtre zur Abnahme ihre Fingerabdrücke. Dabei stellte er fest, dass normale Tinte bei diesem Vorgang verschmierte. Auch seine eigene Tinte brachte keinen Erfolg, da diese zu schnell trocknete, dadurch nur schwache Abdrücke hinterließ und zudem wochenlang an den Fingern seiner Versuchskaninchen haften blieb. Feuchte Lehmplatten erzeugten zwar deutlich bessere Abdrücke, brauchten dafür jedoch zu viel Platz in den Archivräumen. Bis zu seinem ersten Austritt aus der Sûreté hatte Vidocq keine zufrieden stellende Lösung für die Sicherstellung von Fingerabdrücken gefunden und verfolgte dieses Projekt später nicht mehr weiter, da er auch keinen Physiker überzeugen konnte, ihn zu unterstützen. Er erfuhr nicht mehr, dass Ivan Vučetić mit einfacher Tusche ein verwendbares Mittel gefunden hatte. Allerdings glaubte er bis zu seinem Lebensende an die Nutzbarkeit von Fingerabdrücken und diskutierte das Thema oft, unter anderem 1845 in einem Interview mit zwei Reportern der London Times und der New York Post. Ein Jahr nach seinem Tod führte William Herschel in Indien die Verwendung von Fingerabdrücken zur Vermeidung von Pensionsbetrug ein. 1888 veröffentlichte Francis Galton seine erste Arbeit über die Einzigartigkeit von Fingerabdrücken und ebnete damit der Daktyloskopie ihren Weg in Europa. 1892 wurde in Argentinien erstmals ein Mord mit Hilfe dieser Wissenschaft aufgeklärt, die heute ein Standardverfahren ist.

Ballistik
Alexandre Dumas hinterließ Aufzeichnungen, die einen Mordfall von 1822 beschreiben. Die Comtesse Isabelle d'Arcy, die sehr viel jünger als ihr Ehemann war und diesen betrogen hatte, war erschossen aufgefunden worden, worauf die Polizei den Comte d'Arcy verhaftete. Vidocq hatte mit dem Mann gesprochen und war der Meinung, dass der ‚alte Gentleman‘ nicht die Persönlichkeit eines Mörders hätte. Er untersuchte dessen Duellpistolen und stellte fest, dass diese entweder nicht abgefeuert oder seither gereinigt wurden. Daraufhin überredete er einen Arzt, heimlich die Kugel aus dem Kopf der Adeligen zu entfernen. Ein einfacher Vergleich zeigte, dass die Kugel viel zu groß war um aus den Pistolen des Comte zu stammen. Daraufhin durchsuchte Vidocq die Wohnung des Liebhabers der Ermordeten und fand darin neben zahlreichen Schmuckstücken auch eine große Pistole, zu der die Kugeln von der Größe her passten. Der Comte identifizierte die Schmuckstücke als die seiner Frau. Vidocq fand daraufhin außerdem einen Hehler, bei dem der Verdächtige bereits einen Ring versetzt hatte. Mit den Beweisen konfrontiert, gestand der Liebhaber den Mord. Der erste richtige Abgleich zwischen einer Waffe und einer Kugel fand 1835 durch Henry Goddard, einen „Bow Street Runner“, statt. Am 21. Dezember 1860 berichtete die London Times über ein Gerichtsurteil, bei dem der Mörder Thomas Richardson in Lincoln erstmals nur mit Hilfe der Ballistik zum Tod verurteilt wurde.
1990 wurde in Philadelphia die Vidocq Society gegründet. Deren Mitglieder sind forensische Experten, FBI-Profiler, Ermittler der Mordkommission, Wissenschafter, Psychologen und Leichenbeschauer, die bei ihren monatlichen Treffen unentgeltlich unaufgeklärte alte Fälle aus aller Welt durchleuchten und gemäß ihres Mottos Veritas veritatum (dt. Wahrheit erzeugt Wahrheit) versuchen, den jeweiligen Ermittlern neue Anhaltspunkte zu verschaffen.

Literatur
Rastignac und Vautrin auf dem Titelblatt von Le Père GoriotUm 1827 verfasste Vidocq eine Biografie über sein bisheriges Leben, die er im Sommer 1828 bei dem Buchhändler Emil Morice veröffentlichen wollte. Die befreundeten Autoren Honoré de Balzac, Victor Hugo und Alexandre Dumas fanden das dünne Büchlein jedoch zu kurz, worauf Vidocq sich einen neuen Verleger suchte. Dieser, L.F. L'Héritier, brachte noch im Dezember des selben Jahres die Memoiren heraus, die mit Hilfe einiger Ghostwriter auf vier Bände angewachsen waren. Das Werk wurde zu einem Bestseller und verkaufte sich bereits im ersten Jahr laut Biograf Samuel Edwards über 50.000 Mal. Der Erfolg regte Nachahmer an. 1829 veröffentlichten zwei Journalisten unter dem Pseudonym des Kriminellen Malgaret das Buch „Mémoires d’un forçat ou Vidocq dévoilé“, das Vidocqs angebliche kriminelle Aktivitäten aufdecken sollte. Auch andere Polizeibeamte folgten Vidocqs Beispiel und schrieben in den nächsten Jahren eigene Biografien, so auch der Polizeipräfekt Henri Gisquet.

Vidocq inspirierte mit seiner Lebensgeschichte auch viele zeitgenössische Schriftsteller, von denen er viele zu seinem engen Bekanntenkreis zählte. So bildet er in Balzacs Schriften regelmäßig das Vorbild literarischer Figuren. Im dritten Teil von „Illusions perdue“ (1837–1843, dt. Verlorene Illusionen) – „Soufrance de L'Inventeur“ (dt. Die Leiden des Erfinders) – werden seine Erfahrungen als gescheiterter Unternehmer aufgegriffen, in „Gobseck“ (1829) stellt Balzac erstmals den Polizisten Corentin vor, am deutlichsten wird aber die Verbindung Vidocqs mit der Figur des Vautrin. Dieser tritt erstmals in Balzacs Roman „Le Père Goriot“ (1834, dt. Vater Goriot) auf, dann in „La Comédie Humaine“ (dt. Die menschliche Komödie)[13] und ist die Hauptfigur des Theaterstücks „Vautrin“ von 1840. Vidocqs Methoden und Verkleidungen inspirieren Balzac auch zu vielen weiteren Bezügen in seinem Werk.

In Victor Hugos „Les Miserables“ (1862, dt. Die Elenden) sind die Charaktere sowohl Jean Valjeans als auch Inspektor Javerts Vidocq nachempfunden; ebenso der Polizist Jackal aus „Les Mohicans de Paris“ (1854–1855, dt. Die Mohikaner von Paris) von Alexandre Dumas. Er war die Grundlage für Monsieur Lecoq, einen Inspektor, der in zahlreichen Abenteuern von Émile Gaboriau die Hauptrolle spielte, und für Rodolphe de Gerolstein, der in den Zeitungsromanen von Eugène Sue allwöchentlich für Gerechtigkeit sorgte. Und er kann auch in dem das Genre der Kriminalliteratur begründende Werk „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ von Edgar Allan Poe[14] und den Geschichten „Moby Dick“ von Herman Melville[15] und „Great Expectations“ von Charles Dickens wiedergefunden werden.

Theater
Melodram am Pariser Boulevard du Crime, Honoré DaumierVidocq war – bei seiner Vorliebe für Verkleidungen wohl naheliegend – ein großer Fan des Theaters. In der Pariser Bevölkerung war zu seinen Lebenszeiten der so genannte Boulevard du Crime (dt. Boulevard des Verbrechens) recht beliebt. An dieser Straße lagen mehrere Theaterhäuser, in denen allabendlich Kriminalgeschichten in Form von Melodramen dargestellt wurden. Eines dieser Theater war das Théâtre de l'Ambigu-Comique, das von Vidocq in großem Ausmaß gefördert und unterstützt wurde. Laut Biograf James Morton reichte er auch selbst ein Stück ein, das allerdings nie produziert wurde. Auch hatte er Pläne sich selbst als Darsteller zu versuchen, die er aber nie verwirklichte.

Zahlreiche seiner Geliebten waren Schauspielerinnen, aber auch viele seiner Freunde und Bekannten stammten aus der Theater-Szene. Zu ihnen gehörte der bekannte Schauspieler Frédérick Lemaître, der unter anderem die Hauptrolle in der Inszenierung von Balzacs Vautrin übernahm, als das Stück am 14. März 1840 nach zahlreichen Problemen mit der Zensur im Théâtre de la Porte Saint-Martin uraufgeführt wurde. Er bemühte sich dabei, sein Aussehen möglichst dem von Vidocq anzupassen, auf dem die Figur ja basierte. Bereits bei der Premiere kam es zu Tumulten, da die gewählte Perücke zu große Ähnlichkeit mit der des Königs Louis-Philippe hatte, weshalb das Stück nach einem entsprechenden Verbot durch den französischen Innenminister kein zweites Mal aufgeführt wurde.

Aber nicht nur die durch Vidocq inspirierten Werke schafften es auf die Bühne, auch seine eigene Lebensgeschichte mit den Memoiren als literarischer Vorlage wurde mehrmals aufgeführt. Besonders in England war die Begeisterung für Vidocq groß. Seine Memoiren wurden rasch ins Englische übersetzt und schon wenige Monate später fand am 6. Juli 1829 im Surrey Theater im Londoner Stadtteil Lambeth die Uraufführung von Vidocq! The French Police Spy statt. Das Melodram in 2 Akten, das von Robert William Elliston produziert wurde, stammte aus der Feder von Douglas William Jerrold. Vidocqs Rolle wurde von T. P. Cooke übernommen, der auch in Jerrolds Erfolgsstück Black-eyed Susan aus dem selben Jahr die Hauptrolle spielte. Obwohl die Kritiken u.a. in The Times durchaus positiv waren, wurde das Stück im ersten Monat nur neun Mal aufgeführt und danach abgesetzt.

Einige Jahre nach Vidocqs Tod wurde im Dezember 1860 im Britannia Theater in Hoxton unter dem Titel Vidocq or The French Jonathan Wild ein weiteres Theaterstück basierend auf Vidocqs Memoiren aufgeführt, das von F. Marchant geschrieben wurde, aber nur eine Woche auf dem Spielplan stand.

1909 schrieb Émile Bergerat das Melodram Vidocq, empereur des policiers in 5 Akten und 7 Szenen. Die Produzenten Hertz und Coquelin lehnten es aber ab, worauf Bergerat sie erfolgreich auf 8.000 Franc Schadenersatz verklagte. Das Stück wurde dann 1910 im Théâtre Sarah Bernhardt uraufgeführt. Jean Kemm, der Jahre später auch an einem Film über Vidocq beteiligt sein sollte, übernahm die Hauptrolle.

Verfilmungen
Bereits 1909 entstand der erste Film über Vidocq. Am 13. August 1909[16] erschien der auf Vidocqs Memoiren basierende schwarzweiße Kurz-Stummfilm „La Jeunesse de Vidocq ou Comment on devient policier“ in Frankreich. Vidocq wurde von Harry Baur dargestellt, der die Rolle auch in den beiden Fortsetzungen „L'Évasion de Vidocq“ (1910[17]) und „Vidocq“ (1911[18]) verkörperte.
Unter der Regie von Jean Kemm entstand 1922 der nächste Stummfilm „Vidocq“, dessen Drehbuch von Arthur Bernède[19] nach den Memoiren konzipiert worden war. Die Hauptrolle spielte René Navarre.
Der erste Tonfilm, wenn auch noch schwarzweiß, wurde 1938 veröffentlicht. Jacques Daroy drehte den wieder nach der Hauptfigur benannten Film mit André Brulé als „Vidocq. Der Film“, der sich größtenteils mit der Verbrecherlaufbahn Vidocqs beschäftigt, war im Vergleich zu zeitgenössischen Kriminalfilmen eher glanzlos, wurde aber dennoch auch außerhalb Frankreichs gespielt.[20]
Am 19. Juli 1946 erschien der erste von Amerikanern gedrehte Film über Vidocq – „Ein eleganter Gauner“[21], nach wie vor jedoch schwarzweiß. George Sanders stellte Vidocq in Douglas Sirks Verfilmung dar, die den Aufstieg eines Gauners in der Gesellschaft verbunden mit einer Liebesgeschichte zeigt. Bereits im April 1948 folgte wieder eine französische Version der Lebensgeschichte Vidocqs. „Le Cavalier de Croix-Mort“ wurde 1947 von Lucien Ganier-Raymond mit Henri Nassiet in der Hauptrolle gedreht.[22]
Am 7. Januar 1967 sendete der französische Fernsehsender ORTF die erste von zwei 13-teiligen Fernsehserien. „Vidocq“[23] mit Bernard Noël in der Titelrolle, noch immer schwarzweiß. Dies änderte sich erst mit der zweiten Serie „Les Nouvelles Aventures de Vidocq“[24], die am 5. Januar 1971 Premiere hatte. Hier wird Vidocq von Claude Brasseur verkörpert.
2001 erschien „Vidocq“ schließlich unter der Regie von Pitof als eine Mischung aus Fantasy und Horror. Die Figur Vidocq wird darin durch Gérard Depardieu mit all seinen Eigenheiten und Talenten relativ authentisch dargestellt, die dargestellten Ereignisse rund um den „Alchemisten“ sind jedoch nie wirklich geschehen.

Weiterführende Informationen
Werke von Vidocq
Mémoires de Vidocq, chef de la police de Sûreté, jusqu'en 1827 (Biografie), 1828; deut. Übersetzung von Ludwig Rubiner aus dem Jahr 1920 als Volltext auf Wikisource
Les voleurs (eine Studie über Diebe und Betrüger), 1836, Roy-Terry, Paris
Dictionnaire d'Argot (ein Argot-Wörterbuch), 1836
Considérations sommaires sur les prisons, les bagnes et la peine de mort (Überlegungen über Mittel zur Verringerung der Kriminalität), 1844
Les chauffeurs du nord. (Erinnerungen an seine Zeit als Bandenmitglied), 1845
Les vrais mystères de Paris. (Roman geschrieben von Horace Raisson und Maurice Alhoy, aber aus Werbegründen unter Vidocqs Namen veröffentlicht), 1844

Biografien (Auswahl)
Louis Guyon: Biographie des Commissaires et des Officiers de Paix de la ville de Paris. 1826, Paris
E. A. B. Hodgetts: Vidocq, A Master of Crime. 1928, London, Selwyn & Blount
Barthélemy Maurice: Vidocq, vie et aventures. 1958
John Philip Stead: Vidocq – Der König der Detektive. 1954, Stuttgart, Union Deutsche Verlags-Gesellschaft (engl. Original: Vidocq: Picaroon of Crime. 1953, London, Staples Press)
Samuel Edwards: The Vidocq Dossier. 1977, Boston, Houghton Mifflin
James Morton: The First Detective: The Life and Revolutionary Times of Vidocq: Criminal, Spy and Private Eye. 2004, London, Ebury Press, ISBN 0091903378.
Jean Savant: La vie aventureuse de Vidocq. 1957, Librairie Hachette

Über Vidocqs Auswirkungen auf die Kriminalistik
Dominique Kalifa: Naissance de la police privée: Détectives et agences de recherches en France, 1832–1942. Series „Civilisations et Mentalitès.“ Paris, Plon, 2000.
Clive Emsley, Haia Shpayer-Makov: Police Detectives in History, 1750–1950. Ashgate Publishing, 2006, ISBN 0754639487.
Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Detektive. Droemer-Knaur, 1976, ISBN 3426001640.
Paul Metzner: Crescendo of the Virtuoso: Spectacle, Skill, and Self-Promotion in Paris during the Age of Revolution. Berkely, University of California Press, 1998
Gerhard Feix: Das große Ohr von Paris – Fälle der Sûreté. Verlag Das Neue Berlin, Berlin, 1975

Über Vidocqs Einfluss auf die Literatur
Régis Messac: Le 'detective novel' et l'influence de la pensée scientifique. Paris, Librairie Ancienne Honoré Champion, 1929
Ellen Schwarz: Der phantastische Kriminalroman: Untersuchungen zu Parallelen zwischen roman policier, conte fantastique und gothic novel. (ursprüngl. Doktorarbeit) Tectum Verlag, 2001, ISBN 3828882455.
Julian Symons: Bloody Murder: From the Detective Story to the Crime Novel: a History. Viking Verlag, 1985, ISBN 0670800961.
Chalres J. Rzepka: Detective Fiction. Polity, 2005, ISBN 0-7456-2941-5.
Paul Gerhard Buchloh, Jens Peter Becker: Der Detektivroman: Studien zur Geschichte und Form der englischen und amerikanischen Detektivliteratur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1978, ISBN 3-534-05379-6.
Sandra Engelhardt: 'The Investigators of Crime in Literature. Tectum Verlag, 2003, ISBN 3828885608.
Alma Elizabeth Murch: The Development of the Detective Novel. P. Owen, 1958

Einzelnachweise
↑ Jay A. Siegel: Forensic Science: The Basics. CRC Press, 2006, ISBN 0849321328, S. 12.
↑ James Andrew Conser, Gregory D. Russell: Law Enforcement in the United States. Jones & Bartlett Publishers, 2005, ISBN 0763783528, S. 39.
↑ Clive Emsley, Haia Shpayer-Makov: Police Detectives in History, 1750–1950. Ashgate Publishing, 2006, ISBN 0754639487, S. 3.
↑ Mitchel P. Roth: Historical Dictionary of Law Enforcement. Greenwood Press, 2001, ISBN 0313305609, S. 372.
↑ Hans-Otto Hügel: Untersuchungsrichter, Diebsfänger, Detektive. Metzler, 1978, ISBN 3476003833, S. 17.
↑ a b James Morton: The First Detective: The Life and Revolutionary Times of Vidocq: Criminal, Spy and Private Eye
↑ Samuel Edwards: The Vidocq Dossier. 1977, Boston, Houghton Mifflin
↑ Jean Savant: La vie aventureuse de Vidocq. Libraire Hachette 1957
↑ John Philip Stead: Vidocq: A Biography. 4. Auflage, Staples Press, London, Januar 1954, S. 247
↑ Time.com: Finest of the Finest (englisch, Zugriff am 9. September 2007)
↑ Alfred Eustace Parker: The Berkeley Police Story. Charles C Thomas Pub, 1972, ISBN 0398023735, S. 53.
↑ Athan G. Theoharis: The FBI: A Comprehensive Reference Guide. Greenwood Press, 1999, ISBN 089774991X, S. 265f.
↑ Honoré de Balzac: La Comédie Humaine in: Illusions perdues, Splendeurs et misères des courtisanes, La Cousine Bette, Le Contrat de mariage
↑ Charles J. Rzepka: Detective Fiction. Kapitel 3 – From Rogues to Ratiocination
↑ Hermann Melville: Schools and Schoolmasters. beim englischsprachigen Wikisource
↑ La Jeunesse de Vidocq ou Comment on devient policier (1909) in der IMDb
↑ L'Évasion de Vidocq (1910) in der IMDb
↑ Vidocq (1911) in der IMDb
↑ Vidocq (1922) in der IMDb
↑ Vidocq (1938) in der IMDb
↑ A Scandal in Paris (1946) in der IMDb
↑ Le Cavalier de Croix-Mort (1947) in der IMDb
↑ Vidocq (1967) in der IMDb
↑ Les Nouvelles Aventures de Vidocq (1971) in der IMDb

Weblinks
Wikisource: Eugène François Vidocq – Quellentexte
Commons: Eugène François Vidocq – Bilder, Videos und Audiodateien
Literatur von und über Eugène François Vidocq im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Werke von Vidocq als gemeinfreie Online-Texte beim Project Gutenberg
Vidocq – Du Bagne à la Police de Sûreté (französisch)
The Crime Library über Vidocq (englisch)
Arras zählt Vidocq neben dem 17 Jahre früher geborenen Maximilien de Robespierre zu den berühmtesten Söhnen der Stadt (französisch)
The Vidocq Society beschäftigt sich mit lange ungelösten und komplexen Verbrechen. Die Mitglieder sind Spezialisten aus zahlreichen Bereichen der Kriminalistik (englisch)

Freitag, 2. Mai 2008

Rudi Dutschke 1940 - 1979

Rudi Dutschke
(* 7. März 1940 als Alfred Willi Rudi Dutschke in Schönefeld bei Luckenwalde; † 24. Dezember 1979 in Århus, Dänemark), war ein deutscher marxistischer Soziologe. Er gilt als bekanntester Wortführer der westdeutschen und West-Berliner Studentenbewegung der 1960er Jahre.
Dutschke war mit Gretchen Dutschke-Klotz verheiratet, mit der er drei Kinder hatte. Er starb an den Spätfolgen eines Attentats, bei dem er schwere Hirnverletzungen davongetragen hatte.

Leben
Jugend und Studium
Rudi Dutschke, vierter Sohn eines Postbeamten, verbrachte seine Jugendjahre in der DDR. Er war in der evangelischen Jungen Gemeinde von Luckenwalde aktiv, wo er seine „religiös sozialistische“ Grundprägung erhielt. Als Leistungssportler (Zehnkampf) wollte er zunächst Sportreporter werden und trat deshalb 1956 in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein.
Durch den Ungarischen Volksaufstand im selben Jahr wurde Dutschke politisiert. Er ergriff Partei für einen Demokratischen Sozialismus, der sich gleichermaßen von den USA und der Sowjetunion distanzierte. Der SED stand er ebenfalls ablehnend gegenüber. Im Gegensatz zum antifaschistischen Anspruch ihrer Staatsideologie sah er die alten Strukturen und Mentalitäten im Osten ebenso fortdauern wie im Westen.
1957 trat er öffentlich gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft und für Reisefreiheit ein. Er verweigerte den (damals freiwilligen) Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee und rief andere dazu auf, es ihm gleich zu tun. Nach seinem Abitur 1958 und nochmals nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann in einem Luckenwalder Volkseigenen Betrieb verwehrten die DDR-Behörden ihm daher das gewünschte Sportstudium.
Daraufhin pendelte Dutschke regelmäßig nach West-Berlin und wiederholte dort zunächst sein Abitur am Askanischen Gymnasium Berlin, da ein DDR-Abitur im Westen nicht als Hochschulreife anerkannt wurde. Nebenher schrieb er Sportreportagen, unter anderem für die B.Z. aus dem Axel-Springer-Verlag. 1961, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, siedelte er nach West-Berlin über, um Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft an der Freien Universität (FU) zu studieren. Ihr blieb er bis zu seiner Promotion 1973 verbunden.
Zunächst studierte Dutschke den Existentialismus Martin Heideggers und Jean-Paul Sartres, bald aber auch Marxismus und die Geschichte der Arbeiterbewegung: Er las die Frühschriften von Karl Marx, Werke der marxistischen Geschichtsphilosophen Georg Lukács und Ernst Bloch sowie der Kritischen Theorie (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse). Angeregt durch die Begegnung mit der US-amerikanischen Theologiestudentin Gretchen Klotz – seiner späteren Frau – las er auch Werke von Theologen wie Karl Barth und Paul Tillich. Aus seinem christlich geprägten wurde nun ein marxistisch fundierter Sozialismus. Dabei betonte er jedoch immer die Entscheidungsfreiheit des Individuums gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen.
Studentenbewegung
Dutschke verband sein Studium schon früh mit praktischem Engagement. So gab er etwa die Zeitschrift Anschlag heraus, in der Kritik am Kapitalismus, die Probleme der Dritten Welt und neue politische Organisationsformen thematisiert wurden. Das Blatt galt wegen seiner „aktionistischen“ Ausrichtung im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) damals als „anarchistisch“.
1962 gründete Dutschke mit Bernd Rabehl eine Berliner Gruppe der Münchner „Subversiven Aktion“, die sich als Teil der Situationistischen Internationale verstand. Im Dezember 1964 organisierte er mit einem Dritte-Welt-Kreis eine Demonstration gegen den Staatsbesuch des kongolesischen Diktators Moise Tschombé, an der auch der Berliner SDS teilnahm. Im Januar 1965 nahm dieser Dutschke und seine Gruppe auf. Im Februar 1965 wählte er Dutschke in seinen politischen Beirat, so dass dieser die politische Richtung fortan mitbestimmte.[1]
Ab 1966 organisierte Dutschke mit dem SDS zahlreiche Demonstrationen für Hochschulreformen, gegen die Große Koalition, die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg. Die wachsende Studentenbewegung verknüpfte diese Themen und die Kritik an der mangelnden Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit miteinander und verstand sich nun als Teil einer Außerparlamentarischen Opposition (APO).
Am 23. März 1966 heiratete Dutschke Gretchen Klotz. Im Mai bereitete er den bundesweiten Vietnamkongress in Frankfurt am Main mit vor. Hauptreferate dort hielten bekannte Professoren der „Neuen Linken“ (u.a. Herbert Marcuse, Oskar Negt) und der eher „traditionalistischen“ Linken außerhalb der SPD (Frank Deppe, Wolfgang Abendroth).
In jenem Jahr wollte Dutschke mit einer Arbeit über Lukács bei Professor Hans-Joachim Lieber, dem damaligen Rektor der FU, promovieren. Nach Auseinandersetzungen um das politische Mandat des Berliner AStA und die Nutzung von Universitätsräumen für Aktionen gegen den Vietnamkrieg verlängerte Lieber Dutschkes Assistentenvertrag an der FU Berlin nicht. Damit schied eine akademische Laufbahn für ihn vorerst aus.
Nachdem ein Polizist am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen hatte, riefen Dutschke und der SDS bundesweit zu Sitzblockaden auf, um die Aufklärung der Todesumstände zu erzwingen. Zudem forderten sie den Rücktritt der Verantwortlichen für den Polizeieinsatz und die Enteignung des Verlegers Axel Springer. Die Studenten machten die kampagnenartige Berichterstattung der Zeitungen seines Verlags für Ohnesorgs Tod mitverantwortlich. Ihre Sicht wurde nun auch erstmals von etablierten Medien – dem Spiegel, der Frankfurter Rundschau und der Zeit – aufgegriffen. Jedoch solidarisierten sich nur wenige Professoren, darunter Dutschkes Freund Helmut Gollwitzer, mit den protestierenden Studenten.
Podiumsdiskussionen und Interviews, u.a. mit Rudolf Augstein, Ralf Dahrendorf und Günter Gaus, machten Dutschke nun auch bundesweit bekannt. Wichtiger war ihm jedoch der Kontakt zu jungen Arbeitern. Dies zeigte er z.B. bei einem im Februar 1968 von Jungsozialisten im Ruhrgebiet organisierten Streitgespräch mit Johannes Rau zum Thema: „Sind wir Demokraten?“ Auf für ihn typische antiautoritäre Art zeigte sich Dutschke unangepasst und respektlos, redete Rau als „Genosse“ an, kritisierte parlamentarische Rituale und Institutionen und forderte eine „Einheitsfront von Arbeitern und Studenten“. Dieses Ziel behinderte er jedoch häufig selbst durch seine akademisch-soziologische Ausdrucksweise und seinen intellektuellen Habitus.
Sein Auftreten polarisierte die Öffentlichkeit; er erfuhr zunehmend auch Ablehnung und Hass. Die Zeitungen des Springerverlags und viele Regionalzeitungen setzten ihn – wie die 68er insgesamt, als deren Symbolfigur er nun galt – u.a. mit Hinweisen auf sein „ungepflegtes Äußeres“ und seine DDR-Herkunft herab. Als er bei einem „Go-in“ im Weihnachtsgottesdienst 1967 der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche versuchte, eine Diskussion über den Vietnamkrieg herbeizuführen, schlug ein wütender Gottesdienstbesucher ihn nieder und verletzte ihn.[2]
Im Zusammenhang vieler damaliger Bildungsreformanläufe hatte Dutschke eine „Kritische Universität“ an der FU West-Berlins mit vorbereitet. Im Wintersemester 1967/68 führten etwa 400 West-Berliner Studenten in Eigenregie 33 Arbeitskreise durch. Sie befassten sich überwiegend mit Fragen der Hochschulreform und mit Berufschancen für Akademiker in der arbeitsteiligen Gesellschaft; zwei Arbeitskreise thematisierten „Wirtschaftskrise und Sozialpolitik in Westberlin“ oder „Rechtsstaat und Demokratie in Deutschland“. Sie sollten nach dem Vorbild ähnlicher Versuche an den Universitäten von Berkeley und Paris eigene Vorstellungen basisdemokratischen Lernens umsetzen und mit dem Aufbau einer für Schüler und Arbeiter offenen „Gegenuniversität“ beginnen.
Nach Ablehnung durch den Akademischen Senat der FU fand am 17. und 18. Februar 1968 an der Berliner TU der Vietnamkongress mit einigen tausend Studenten statt. Die Abschlussdemonstration war mit mehr als zehntausend Teilnehmern die in der Bundesrepublik bis dahin größte deutsche Protestveranstaltung gegen den Vietnamkrieg. Dabei rief Dutschke zur massenhaften Desertion amerikanischer Soldaten und zur „Zerschlagung der NATO“ auf. Sein Plan, die polizeilich genehmigte Route zu verlassen und vor den amerikanischen Kasernen zu demonstrieren, wurde jedoch fallengelassen, da mit Schusswaffengebrauch der Wachsoldaten zu rechnen war.
Bei einer vom Berliner Senat organisierten „Pro-Amerika-Demonstration“ am 21. Februar 1968 trugen Teilnehmer Plakate mit der Aufschrift „Volksfeind Nr. 1: Rudi Dutschke“. Ein Passant wurde mit Dutschke verwechselt, Demonstrationsteilnehmer drohten ihn totzuschlagen.
Attentat
Am 11. April 1968 wurde Dutschke vor dem SDS-Büro von dem jungen Hilfsarbeiter Josef Bachmann angegriffen, der drei Schüsse auf ihn abfeuerte. Er erlitt lebensgefährliche Gehirnverletzungen und überlebte nur knapp nach einer mehrstündigen Operation. Heute erinnert eine Gedenktafel am Tatort vor dem Haus Kurfürstendamm 141 an das Attentat.
Bachmanns Motive wurden nie ganz aufgeklärt; man fand bei ihm ein Zeitungsfoto von Dutschke und die National Zeitung und vermutete daher rechtsextreme Hintergründe. Viele Studenten machten die Springerpresse für das Attentat verantwortlich, da diese zuvor monatelang gegen Dutschke und die demonstrierenden Studenten agitiert hatte. Die BILD z. B. hatte Tage zuvor zum „Ergreifen“ der „Rädelsführer“ aufgerufen. Bei den folgenden Protestkundgebungen kam es zu den bis dahin schwersten Ausschreitungen, bei denen auch das Gebäude des Springerverlags angegriffen und Auslieferungsfahrzeuge für seine Zeitungen angezündet wurden.
Dutschke eignete sich Sprache und Gedächtnis in monatelanger Sprachtherapie mühsam wieder an. Zur Genesung hielt er sich ab 1969 in der Schweiz, Italien und Großbritannien auf. Nach vorübergehender Ausweisung von dort durfte er 1970 ein Studium an der Universität Cambridge anfangen. Nach dem Regierungswechsel 1970 wurde seine Aufenthaltserlaubnis jedoch aufgehoben. Daraufhin zog er nach Dänemark, wo ihn die Universität von Århus als Soziologiedozenten anstellte.
Bachmann wurde wegen versuchten Mordes zu sieben Jahren Haft verurteilt. Dutschke nahm brieflich Kontakt mit ihm auf, erklärte ihm, er habe keinen persönlichen Groll gegen ihn und versuchte, ihm ein sozialistisches Engagement nahezubringen. Bachmann beging jedoch am 24. Februar 1970 im Gefängnis Suizid. Dutschke bereute, ihm nicht öfter geschrieben zu haben: … der Kampf für die Befreiung hat gerade erst begonnen; leider kann Bachmann daran nun nicht mehr teilnehmen …
Spätzeit
Rudi Dutschke auf der Anti-AKW-Demonstration am 14. Oktober 1979 in BonnAb 1972 bereiste Dutschke wieder die Bundesrepublik. Er suchte Gespräche mit Gewerkschaftern und Sozialdemokraten, darunter Gustav Heinemann, dessen Vision eines blockfreien, entmilitarisierten Gesamtdeutschlands er teilte. Am 14. Januar 1973 redete er auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Bonn erstmals nach dem Attentat wieder öffentlich. Ab Juli besuchte er mehrmals Ost-Berlin und traf dort Wolf Biermann, mit dem er fortan befreundet blieb. Auch mit anderen SED-Dissidenten wie Robert Havemann und später Rudolf Bahro nahm er Kontakt auf.
1974 veröffentlichte er seine Dissertation und erhielt ein Jahr darauf ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der FU Berlin. Im Februar leitete er eine Podiumsdiskussion über „Solschenizyn und die Linke“, in der er für Menschenrechte in der Sowjetunion und im Ostblock eintrat. Seit 1976 war er Mitglied im Sozialistischen Büro, einer „undogmatischen“ linken Gruppe, die im Zerfall des SDS entstanden war. Hier engagierte er sich für den Aufbau einer Partei, die grün-alternative und linke Initiativen ohne die K-Gruppen vereinen sollte.
1977 wurde er freier Mitarbeiter verschiedener linksgerichteter Zeitungen und Gastdozent an der Universität Groningen in den Niederlanden. Er unternahm Vortragsreisen über die Studentenbewegung, nahm am „Internationalen Russell-Tribunal“ gegen Berufsverbote und an Großdemonstrationen der Atomkraftgegner in Wyhl am Kaiserstuhl, Bonn und Brokdorf teil.
Nachdem Bahro in der DDR zu acht Jahren Haft verurteilt worden war, organisierte und leitete Dutschke im November 1978 den Bahro-Solidaritätskongress in West-Berlin. 1979 wurde er Mitglied der Bremer Grünen Liste und beteiligte sich an ihrem Wahlkampf. Nach ihrem Einzug in das Stadtparlament wurde er zum Delegierten für den Gründungskongress der Partei Die Grünen gewählt.
Dutschke starb jedoch knapp drei Wochen vor dem Gründungskongress. Am 24. Dezember 1979 ertrank er in der heimischen Badewanne infolge eines epileptischen Anfalls, einer Spätfolge des Attentats. Am 3. Januar 1980 wurde er auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem feierlich beigesetzt. Der Theologe Martin Niemöller hatte ihm sein Grab überlassen, nachdem dort zunächst kein Grabplatz frei war.[3] Etwa 6000 Gäste begleiteten den Trauerzug, Helmut Gollwitzer hielt die Traueransprache.[4]
Dutschkes zweiter Sohn Rudi-Marek wurde 1980 in Dänemark geboren. Sein erster Sohn, 1968 geboren, erhielt den Namen Hosea-Che, seine Ende 1968 geborene Tochter wurde Polly-Nicole genannt[5]
Denken
Grundposition
Dutschke verstand sich seit seiner Jugendzeit als antiautoritärer demokratischer Sozialist. In seiner Studienzeit entwickelte er sich zu einem überzeugten revolutionären Marxisten, der sich in die weithin vergessenen libertären Traditionen der Arbeiterbewegung stellte und sich sowohl vom Reformismus wie vom Stalinismus abgrenzte.
Dutschkes Ziel war die „totale Befreiung der Menschen von Krieg, Hunger, Unmenschlichkeit und Manipulation“ durch eine „Weltrevolution“. Mit dieser radikalen Utopie knüpfte er an den christlichen Sozialismus seiner Jugend an, auch wenn er nicht mehr an einen persönlichen Gott glaubte. 1964 zum Karfreitag schrieb er in sein Tagebuch über „der Welt größten Revolutionär“:[6]
„Jesus Christus zeigt allen Menschen einen Weg zum Selbst – diese Gewinnung der inneren Freiheit ist für mich allerdings nicht zu trennen von der Gewinnung eines Höchstmaßes an äußerer Freiheit, die gleichermaßen und vielleicht noch mehr erkämpft sein will.“
1978 erklärte er bei einem Treffen mit Martin Niemöller:[7]
„Ich bin ein Sozialist, der in der christlichen Tradition steht. Ich bin stolz auf diese Tradition. Ich sehe Christentum als spezifischen Ausdruck der Hoffnungen und Träume der Menschheit.“
Ausdruck dafür waren die lebenslange Freundschaft zu Helmut Gollwitzer und der Doppelname seines ersten Sohnes „Hosea-Che“, der auf den biblischen Propheten Hosea und den argentinischen Guerilla-Kämpfer Che Guevara anspielte.
Ökonomische Analyse
Dutschke versuchte, die Marxsche „Kritik der politischen Ökonomie“ auf die Gegenwart anzuwenden und weiterzuentwickeln. Er sah das Wirtschafts- und Sozialsystem der Bundesrepublik als Teil eines weltweiten komplexen Kapitalismus, der alle Lebensbereiche durchdringe und die lohnabhängige Bevölkerung unterdrücke. Die soziale Marktwirtschaft beteilige das Proletariat zwar am relativen Wohlstand der fortgeschrittenen Industrieländer, binde es dadurch aber in den Kapitalismus ein und täusche es über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinweg.
Repräsentative Demokratie und Parlamentarismus waren daher für Dutschke Ausdruck einer „repressiven Toleranz“ (Herbert Marcuse), die die Ausbeutung der Arbeiter verschleiere und die Privilegien der Besitzenden schütze. Diese Strukturen sah er als nicht reformierbar an; sie müssten vielmehr in einem langwierigen, international differenzierten Revolutionsprozess umgewälzt werden, den er als „langen Marsch durch die Institutionen“ bezeichnete.
In der Bundesrepublik erwartete Dutschke nach dem Wirtschaftswunder eine Periode der Stagnation: Die Subventionierung unproduktiver Sektoren wie Landwirtschaft und Bergbau werde künftig nicht mehr finanzierbar sein. Der dadurch absehbare massive Abbau von Arbeitsplätzen im Spätkapitalismus werde eine Strukturkrise erzeugen, die den Staat zu immer tieferen Eingriffen in die Wirtschaft veranlassen und in einen „integralen Etatismus“ münden werde: Der Staat werde die Wirtschaft lenken, aber das Privateigentum formal beibehalten. Dieser Zustand sei nur mit Gewalt gegen die aufbegehrenden Opfer der Strukturkrise zu stabilisieren.
Im technischen Fortschritt sah Dutschke Ansatzpunkte für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung: Automatisierung, Computerisierung und Nutzung der Atomkraft zu friedlichen Zwecken ließen die Notwendigkeit der Lohnarbeit zunehmend wegfallen. Damit werde Arbeitszeit freigesetzt, die gegen das „System“ aktiviert werden könne. Für den nötigen Umsturz fehle der Bundesrepublik jedoch ein „revolutionäres Subjekt“. Gestützt auf Marcuses Der eindimensionale Mensch glaubte Dutschke, ein „gigantisches System von Manipulation“ stelle „eine neue Qualität von Leiden der Massen her, die nicht mehr aus sich heraus fähig sind, sich zu empören.“ Die deutschen Proletarier lebten verblendet in einem „falschen Bewusstsein“ und könnten die strukturelle Gewalt des kapitalistischen Staates daher nicht mehr unmittelbar wahrnehmen. Eine „Selbstorganisation ihrer Interessen, Bedürfnisse, Wünsche“ sei damit „geschichtlich unmöglich geworden“.
Antiautoritäre Provokation und antiimperialistische Gewalt Dutschke glaubte wie viele seiner Mitstreiter im SDS, der Vietnamkrieg der USA, die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik und die stalinistischen Bürokratien im Ostblock seien Teilaspekte der weltweiten autoritären Kapitalherrschaft über die entmündigten Völker.[8] Jedoch seien die Bedingungen für die Überwindung des weltweiten Kapitalismus in den reichen Industriestaaten und der „Dritten Welt“ verschieden. Anders als Marx es erwartete, werde die Revolution nicht im hochindustrialisierten Mitteleuropa beginnen, sondern von den verarmten und unterdrückten Völkern der „Peripherie“ des Weltmarkts ausgehen.
Im Vietnamkrieg sah Dutschke den Beginn dieser revolutionären Entwicklung, die auch auf andere Dritte-Welt-Länder übergreifen könne. Er bejahte ausdrücklich die Militärgewalt des Vietcong:[9]
„Dieser revolutionäre Krieg ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt von den Menschen abgeschafft wird.“
Dutschke teilte hier die antiimperialistische Theorie von Frantz Fanon im Anschluss an Lenin, wonach der von „revolutionärem Hass“ geleitete Befreiungskampf der Völker zuerst die „schwächsten Glieder“ in der Kette des Imperialismus zerreißen werde und dies unterstützt werden müsse: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams!
Dutschkes Aktionskonzept war seit 1965 jedoch nicht auf gewaltsamen Guerillakampf, sondern auf illegale Regelverletzung als subversive Aktion ausgerichtet:[10]
„Genehmigte Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich.“
Die „antiautoritären“ Protestformen der APO - Sitzstreiks, „Go-Ins“, Tomatenwürfe und „Pudding-Attacken“ auf Staatsbesucher und Herrschaftssymbole, Unterlaufen von Demonstrationsverboten, Verlassen vorgeschriebener Demonstrationsorte und -routen usw. - sollten den bürgerlichen Staat zwingen, seine „liberale Maske“ abzulegen und die Gewalt offen zu zeigen, die ihm strukturell inhärent sei. „Organisierte Irregularität“, also systematische Verstöße gegen die Regeln des bürgerlichen Staates sollten diesen zu gewalttätigen Reaktionen provozieren und über die Medienresonanz die Bevölkerung politisieren. Die „sinnliche Erfahrung“ dieser sonst „latenten“ staatlichen Gewalt und Aufklärung darüber sollten gemeinsam das „falsche Bewusstsein“ aufheben und die tatsächliche Unfreiheit zunächst bei den Akteuren, dann auch bei deklassierten Arbeitern und Arbeitslosen transparent machen. Der Revolutionär revolutioniere sich damit gleichsam selbst: Dies sei die „entscheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der Massen“.
Benno Ohnesorgs Erschießung entsetzte viele Menschen und verstärkte den Protest bundesweit. Dutschke wollte die Zuspitzung der Konfrontation mit dem Staat nutzen, um eine erfolgreiche Revolution herbeizuführen, deren objektive Bedingungen bereits vorlägen. Er sagte am 9. Juni 1967:[11]
„Die Entwicklungen der Produktivkräfte haben einen Prozeßpunkt erreicht, wo die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden ist. Alles hängt vom bewußten Willen der Menschen ab, ihre schon immer von ihnen gemachte Geschichte endlich bewußt zu machen, sie zu kontrollieren, sie sich zu unterwerfen...“
Zuvor hatte Jürgen Habermas bereits gemahnt:
„Diese Welt ist von Gewalt besessen, wie wir wissen. Aber die Befriedigung daran, durch Herausforderung die sublime Gewalt in manifeste Gewlat unzuwandeln, ist masochistisch, keine Befriedigung also, sondern Unterwerfung unter eben diese Gewalt.“
Nun ergänzte er: Die Revolution allein von der Entschlossenheit der Revolutionäre abhängig zu machen, statt wie Marx auf die Eigenentwicklung der Produktionsverhältnisse zu setzen, sei eine „voluntaristische Ideologie“. Das habe man 1848 „utopischen Sozialismus“ genannt, und er sehe darin heute die Tendenz zu einem „linken Faschismus“. Dutschkes Vorhaben werde Faschismustendenzen in Staat und Volk wecken, statt sie zu verringern.
Dutschke dagegen glaubte, nur disziplinierte und organisierte Gegenwehr könne die Staatsgewalt zurückdrängen und so Menschenleben retten:[12]
„H[abermas] will nicht begreifen, dass allein sorgfältige Aktionen Tote, sowohl für die Gegenwart als auch noch mehr für die Zukunft 'vermeiden' können. Organisierte Gegengewalt unsererseits ist der größte Schutz, nicht 'organisierte Abwiegelei' a la H[abermas]. Der Vorwurf der 'voluntaristischen Ideologie' ehrt mich.“
Am 21. Oktober 1967 konkretisierte er die Ziele dieser Gegenwehr:
„Die Durchbrechung der Spielregeln der herrschenden kap[italistischen] Ordnung führt nur dann zur manifesten Entlarvung des Systems als ‚Diktatur der Gewalt‘, wenn wir zentrale Nervenpunkte des Systems in mannigfaltiger Form (von gewaltlosen offenen Demonstrationen bis zu konspirativen Aktionsformen) angreifen (Parlament, Steuerämter, Gerichtsgebäude, Manipulationszentren wie Springer-Hochhaus oder SFB, Amerika-Haus, Botschaften der unterdrückten Nationen, Armeezentren, Polizeistationen u.a.m.).“
Dabei unterschied er Gewalt gegen Sachen von Gewalt gegen Personen; letztere lehnte er zwar nicht prinzipiell, aber für die bundesdeutsche Situation ab. Sprengstoffanschläge auf einen Sendemast des amerikanischen Soldatensenders AFN oder ein Schiff mit Versorgungsgütern für die US-Armee in Vietnam wurden damals erwogen und ansatzweise vorbereitet. Beide Ideen blieben unausgeführt, auch weil Verletzung von Personen nicht ausgeschlossen werden konnte.
In der Phase nach Ohnesorgs Tod radikalisierte Dutschke seine Überlegungen. Er sah in der NATO ein militärisches Instrument, um sozialrevolutionäre Bewegungen der Dritten Welt niederzuschlagen, und fürchtete, dass die Bundeswehr sich daran beteiligen könnte, weil Amerika dazu alleine zu schwach sein könnte. Auf die Frage von Günter Gaus im Dezember 1967 in einem Fernsehinterview[13], ob er notfalls auch selbst mit der Waffe in der Hand kämpfen würde, kündigte er für diesen Fall seine Beteiligung an bewaffneten Auseinandersetzungen in Deutschland an:
„Wäre ich in Lateinamerika, würde ich mit der Waffe in der Hand kämpfen. Ich bin nicht in Lateinamerika, ich bin in der Bundesrepublik. Wir kämpfen dafür, daß es nie dazu kommt, daß Waffen in die Hand genommen werden müssen. Aber das liegt nicht bei uns. Wir sind nicht an der Macht. Die Menschen sind nicht bewußt sich ihres eigenen Schicksals, und so, wenn 1969 der NATO-Austritt nicht vollzogen wird, wenn wir reinkommen in den Prozeß der internationalen Auseinandersetzung – es ist sicher, daß wir dann Waffen benutzen werden, wenn bundesrepublikanische Truppen in Vietnam oder in Bolivien oder anderswo kämpfen – daß wir dann im eigenen Lande auch kämpfen werden.“
In weiteren Interviews um die Jahreswende 1967/68 bekräftigte Dutschke, dass ein Kriegseinsatz von NATO-Truppen gegen Aufstände in der Dritten Welt Gegengewalt im eigenen Land nötig machen könne:[14]
„Wir dürfen […] von vornherein nicht auf eigene Gewalt verzichten, denn das würde nur einen Freibrief für die organisierte Gewalt des Systems bedeuten. [...]“
"...die Höhe unserer Gegengewalt bestimmt sich durch das Maß der repressiven Gewalt der Herrschenden.“
In diesem reziproken Sinn hielt er in der deutschen Situation damals weiterhin Aufklärung durch auch illegalen, aber gewaltfreien Protest für angemessen, keinen Guerillakrieg. Nach dem Attentat auf ihn hielt er diese Position durch, betonte nun aber stärker das ihm zugeschriebene Konzept vom „Marsch durch die Institutionen“. Im Rückblick sah er die Aufklärung durchaus als wirksam an:[15]
„Nach dem Vietnam-Kongress war der Höhepunkt der faschistoiden Tendenz bald beseitigt.“
Verhältnis zum Terrorismus
Dutschke grenzte sich als antiautoritärer Marxist stets von allen „Kader“-Konzepten ab, die sich von der Bevölkerung isolierten und deren Bewusstwerdung verhinderten. Ebenso ablehnend stand er auch dem „Individualterror“ gegenüber, den verschiedene linksradikale Gruppen wie die „Tupamaros Westberlin“ oder die Rote Armee Fraktion nach dem Zerfall des SDS seit 1970 verübten.
Am 9. November 1974 starb das RAF-Mitglied Holger Meins an einem Hungerstreik im Gefängnis. Bei seiner Beerdigung rief Dutschke mit erhobener Faust: „Holger, der Kampf geht weiter!“ Auf die heftige Kritik daran reagierte er nach dem Mord an Günter von Drenkmann mit einem Leserbrief an den „Spiegel“, in dem er erklärte:
„‚Holger, der Kampf geht weiter‘ – das heißt für mich, dass der Kampf der Ausgebeuteten und Beleidigten um ihre soziale Befreiung die alleinige Grundlage unseres politischen Handelns als revolutionäre Sozialisten und Kommunisten ausmacht. […] Die Ermordung eines antifaschistischen und sozialdemokratischen Kammer-Präsidenten ist aber als Mord in der reaktionären deutschen Tradition zu begreifen. Der Klassenkampf ist ein Lernprozess. Der Terror aber behindert jeden Lernprozess der Unterdrückten und Beleidigten.“
In einem Privatbrief an den späteren SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve vom 1. Februar 1975 erklärte Dutschke sein Auftreten an Meins’ Grab für zwar „psychologisch verständlich“, politisch aber „nicht angemessen reflektiert“.
Am 7. April 1977, dem Tag des Mordes an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, notierte er in sein Tagebuch:
„Der Bruch der linken Kontinuität im SDS, die verhängnisvollen Auswirkungen werden erkennbar. Was tun? Die sozialistische Partei wird immer unerlässlicher!“
Er sah nun eine Parteigründung links von der SPD als notwendige Alternative zum Terrorismus an.
Im Deutschen Herbst 1977 wurde vielen Linksintellektuellen vorgeworfen, sie hätten den „geistigen Nährboden“ der RAF geschaffen. In der „Zeit“ vom 16. September gab Dutschke den Vorwurf an die „herrschenden Parteien“ zurück und warnte vor den Folgen des Terrors:
„Der individuelle Terror ist der Terror, der später in die individuelle despotische Herrschaft führt, aber nicht in den Sozialismus.“
Dennoch griff ihn z.B. die Stuttgarter Zeitung vom 24. September des Jahres persönlich als Wegbereiter der RAF an:
„Es ist Rudi Dutschke gewesen, der […] gefordert hatte, das Konzept Stadtguerilla müsse hierzulande entwickelt und der Krieg in den imperialistischen Metropolen entfesselt werden.“
Dagegen meinte Dutschke, das Attentat auf ihn habe ein „geistiges, politisches und sozialpsychologisches Klima der Unmenschlichkeit“ hervorgerufen, [16] und betonte in einem Rückblick auf seine Entwicklung im Dezember 1978 nochmals:
„Individueller Terror […] ist massenfeindlich und antihumanistisch. Jede kleine Bürgerinitiative, jede politisch-soziale Jugend-, Frauen-, Arbeitslosen-, Rentner- und Klassenkampfbewegung […] ist hundertmal mehr wert und qualitativ anders als die spektakulärste Aktion des individuellen Terrors.“
– „Gekrümmt vor dem Herrn…“ S. 57
Verhältnis zum Realsozialismus
Für Dutschke waren Demokratie und Sozialismus untrennbar miteinander verbunden. Die Verfügung der Arbeiter über die Produktionsmittel sollte das Erbe der Französischen Revolution, die Bürgerrechte, bewahren und die freie Entfaltung des Individuums ermöglichen und erweitern.
Deshalb grenzte er sich seit 1956 gegen den Leninismus der Sowjetunion und der von ihr beherrschten Staaten ab. Er sah diesen als doktrinäre Entartung des genuinen Marxismus zu einer neuen „bürokratischen“ Herrschaftsideologie. Er forderte und erwartete seit dem 17. Juni 1967 auch im Ostblock eine durchgreifende Revolution zu einem selbstbestimmten Sozialismus. Im SDS setzte er sich intensiv mit den DDR-Sympathisanten und „Traditionalisten“ und ihrem an Lenins Konzept einer Kaderpartei angelehnten Revolutionsverständnis auseinander. Ein Stasispitzel im SDS meldete daraufhin in das Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin, Dutschke vertrete „eine völlig anarchistische Position“; ein anderer IM meldete: „Dutschke spricht ausschließlich vom Scheißsozialismus in der DDR.“
Den Prager Frühling begrüßte Dutschke vorbehaltlos. Nach dessen Niederschlagung übte er Selbstkritik, weil der SDS mit der FDJ gegen den Vietnamkrieg zusammengearbeitet hatte:[17]
„Sind wir gar einem riesigen Fremd- und Eigenbetrug anheimgefallen? […] Warum geht eine SU (ohne Sowjets), die sozialrevolutionäre Bewegungen in der Dritten Welt unterstützt, imperialistisch gegen ein Volk vor, welches selbständig unter Führung der kommunistischen Partei die demokratisch-sozialistische Initiative ergriff? […] Ohne Klarheit an dieser Ecke ist ein sozialistischer Standpunkt der konkreten Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Echtheit unmöglich, werden gerade die Unterdrückten, Ausgebeuteten und Beleidigten in der BRD und der DDR im besonderen nicht bereit sein, über Lohnkämpfe hinaus in den politischen Klassenkampf einzusteigen.“
Eine Zeit lang begrüßte Dutschke Mao Zedongs Kulturrevolution wie auch die Roten Khmer unter Pol Pot als Beitrag zur erhofften Entbürokratisierung des Staatskommunismus und zur Überwindung der „Asiatischen Produktionsweise“. Doch schon 1968 grenzte er sich unter dem Einfluss von Ernest Mandel vom Maoismus ab. Von den nun entstehenden K-Gruppen, die sich kritiklos an die Volksrepublik China oder Albanien anlehnten, distanzierte er sich ebenfalls.
Dutschkes 1974 veröffentlichte Dissertation „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“ erklärte die Ursachen der sowjetisch-chinesischen Fehlentwicklung im Gefolge Karl August Wittfogels mit der marxistischen Gesellschaftsanalyse. Er vertrat hier die Ansicht, dass die Voraussetzungen für eine sozialistische Revolution in Russland nie bestanden hätten, und nahm stattdessen eine ungebrochene Kontinuität der „asiatischen Despotie“ von Dschingis Khan bis zu Stalins Zwangskollektivierung und Zwangsindustrialisierung an. Während Lenin 1905 noch für die Entfaltung des Kapitalismus in Russland plädiert habe, damit dort eine echte Arbeiterklasse heranwachsen könne, sei schon sein „Oktoberputsch“ von 1917 als Rückfall in die „allgemeine Staatssklaverei“ anzusehen. Die Entwicklung zu Stalin sei logische Folge von Lenins Parteien- und Fraktionsverbot gewesen. Stalins Versuch, die Produktivität der Sowjetunion durch brutale Zwangsindustrialisierung zu steigern, habe ihre Abhängigkeit vom kapitalistischen Weltmarkt nie beseitigen können. Er habe nur einen neuen Imperialismus hervorgebracht, so dass militärische Unterstützung von Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und Unterdrückung von selbstbestimmten Sozialismusversuchen im Ostblock eine logische Einheit darstellten.
Der Stalinismus sei manifester „Anti-Kommunismus“, der eine „Monopolbürokratie“ geschaffen habe, die nicht minder aggressiv sei als die „Monopolbourgeoisie“, die Stalin für den deutschen Faschismus verantwortlich machte. Somit sei es kein Zufall, dass seine Gulags und Konzentrationslager nach 1945 nicht verschwunden, sondern aufrecht erhalten worden seien. Diesen systembedingten, nicht als „Entartung“ der Politik Lenins zu begreifenden Charakter der Sowjetunion hätten auch Leo Trotzki, Bucharin, Karl Korsch, Rudolf Bahro, Jürgen Habermas und andere marxistische Kritiker und Analytiker nicht voll erkannt.
Der isolierte „Sozialismus in einem Land“ sei eine „antidynamische Sackgassenformation“, die sich nur noch durch Kredite und Importe aus dem Westen am Leben erhalten könne. Alle ihre scheinbaren inneren Reformanläufe seit Chrustschow und dem 20. Parteitag der KPdSU von 1956 seien nur Mittel zum Überleben der ZK-Bürokratie gewesen:[18]
„Von pseudo-linker, gutgemeinter moralisch-romantischer Position kann man es gutheißen, Produktionsweisen zu 'überspringen', mit einem sozialistischen Standpunkt hatte (und hat) die Moskauer Position desgleichen wie die Pekinger nie etwas zu“
Aufgrund dieser eindeutigen Haltung galt Dutschke der Stasi bis zum Ende der DDR 1990 als Autor jenes „Manifests des Bundes Demokratischer Kommunisten“, das „Der Spiegel“ im Januar 1978 veröffentlichte. Es forderte wie seine Dissertation den Übergang von der asiatischen Produktionsweise des bürokratischen „Staatskapitalismus“ zur sozialistischen Volkswirtschaft, von der Einparteiendiktatur zu Parteienpluralismus und Gewaltenteilung. Erst 1998 stellte sich Hermann von Berg, ein Leipziger SED-Dissident, als Autor heraus.[19]
Verhältnis zum Parlamentarismus
Dutschke lehnte die repräsentative Demokratie in den sechziger Jahren ab, weil er das Parlament nicht als Volksvertretung ansah. In einem Fernsehinterview erklärte er am 3. Dezember 1967:
„Ich halte das bestehende parlamentarische System für unbrauchbar. Das heißt, wir haben in unserem Parlament keine Repräsentanten, die die Interessen unserer Bevölkerung – die wirklichen Interessen unserer Bevölkerung – ausdrücken. Sie können jetzt fragen: Welche wirklichen Interessen? Aber da sind Ansprüche da. Sogar im Parlament. Wiedervereinigungsanspruch, Sicherung der Arbeitsplätze, Sicherung der Staatsfinanzen, in Ordnung zu bringende Ökonomie, all das sind Ansprüche, die muss aber das Parlament verwirklichen. Aber das kann es nur verwirklichen, wenn es einen kritischen Dialog herstellt mit der Bevölkerung. Nun gibt es aber eine totale Trennung zwischen den Repräsentanten im Parlament und dem in Unmündigkeit gehaltenen Volk.“
Um diese Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten zu überwinden, sprach er sich für eine Räterepublik aus, die er in West-Berlin vorbildhaft aufbauen wollte. Wie in der Pariser Kommune sollten sich auf der Basis selbstverwalteter Betriebe Kollektive von höchstens dreitausend Menschen bilden, um ihre Angelegenheiten im herrschaftsfreien Diskurs, mit Rotationsprinzip und imperativem Mandat ganzheitlich selbst zu regeln. Polizei, Justiz und Gefängnisse würden dann überflüssig. Auch werde man nur fünf Stunden täglich arbeiten müssen.
„Früher war der Betrieb die Ebene, wo das Leben totgeschlagen wurde. Indem die Fabrik unter eigene Kontrolle genommen wird, kann sich in ihr Leben entfalten. Arbeit kann dann Selbsterzeugung des Individuums bedeuten statt Entfremdung.“
Als Keimzellen solcher Kollektive schlug er politische „Aktionszentren“ vor, die das studentische Milieu mit der Lebenswelt der Arbeiter vermitteln und andere Formen des Zusammenlebens ausprobieren sollten. Dies fand er später in den Bürgerinitiativen, der Alternativ- und Ökologiebewegung teilweise realisiert.
Vor wie nach dem Attentat grenzte er sich von fast allen bestehenden Parteien ab und suchte ständig nach neuen, unmittelbar wirksamen Aktionsformen. Zugleich fand er im italienischen Eurokommunismus Geistesverwandte und erwog schon früh die Gründung einer neuen Linkspartei. Doch seine Skepsis gegen eine verselbständigte „revisionistische“ Partei-Elite überwog.
Seit 1976 engagierte Dutschke sich für den Aufbau einer ökosozialistischen Partei, die die neuen außerparlamentarischen Bewegungen bündeln und parlamentarisch wirksam werden lassen sollte. Ab 1978 setzte er sich mit anderen für eine grünalternative Liste ein, die an den kommenden Europawahlen teilnehmen sollte. Im Juni 1979 gewann Joseph Beuys ihn für gemeinsame Wahlkampfauftritte. Mit seinem Eintritt in die Grüne Liste Bremens, die als erster grüner Landesverband die Fünf-Prozent-Hürde übersprang, hatte er sich schließlich dem Parlamentarismus zugewandt.
Auf dem Programmkongress der Grünen in Offenbach am Main trat Dutschke in Verbindung mit der „Deutschen Frage“ für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen und damit für ein Widerstandsrecht gegen die Militärblöcke in West wie Ost ein. Dieses Thema warf sonst niemand auf, da es der strikten Gewaltfreiheit widersprach, auf die sich die Mehrheit dann festlegte: Die Grünen verstanden sich damals als streng pazifistische Antiparteienpartei.[20]
Verhältnis zur Deutschen Einheit
Die deutsche Teilung war für Dutschke schon seit seiner DDR-Jugend ein Anachronismus, da beide deutschen Teilstaaten das Erbe des Faschismus erst noch zu überwinden hätten. Die Berliner Mauer versuchte er am 14. August 1961 einzureißen und wurde dafür in West-Berlin inhaftiert.
Dutschkes nach dem 17. Juni 1967 entworfenes, damals kaum beachtetes Modell einer „befreiten Räterepublik Berlin“ sollte auf Ostdeutschland ausstrahlen und Vorbild einer künftigen gesamtdeutschen Basisdemokratie werden:
„Wenn sich Westberlin zu einem neuen Gemeinwesen entwickeln sollte, würde das die DDR vor eine Entscheidung stellen: entweder Verhärtung oder wirkliche Befreiung der sozialistischen Tendenzen in der DDR. Ich nehme eher das letztere an.“
Er bejahte die Deutsche Wiedervereinigung, die die westdeutsche Linke damals fast einhellig ablehnte, „als revolutionäres Kettenglied des Angriffs gegen Spätkapitalismus und Revisionismus“ und somit als integralen Bestandteil einer erfolgreichen sozialistischen Revolution in beiden deutschen Teilstaaten.
So wie er etwa den Vietnamkrieg als „nationale Befreiung“ vom Imperialismus begrüßte, so sah er die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs anzustrebende sozialistische Revolution als notwendige Stärkung des Selbstbewusstseins der Deutschen gegen die Fremdbestimmung von außen. Diese sollte den Rückfall in alten Nationalismus langfristig gerade verhindern.
Bernd Rabehl versuchte in seiner von der Fachwelt meist abgelehnten Biografie, seinen früheren Mitstreiter als Vertreter einer „nationalen Revolution“ zu vereinnahmen. Dem widersprach Gretchen Klotz energisch:[21]
„Rudi wollte die Unterwürfigkeit als Persönlichkeitsmerkmal einer deutschen Identität abschaffen. […] Er kämpfte für ein antiautoritäres, demokratisches, vereintes Deutschland in einer antiautoritären, demokratischen und sozialistischen Welt. Er war kein 'Nationalrevolutionär', sondern ein internationalistischer Sozialist, der im Gegensatz zu anderen begriffen hatte, dass es politisch falsch ist, die nationale Frage zu ignorieren. […] Er suchte etwas ganz Neues, das nicht anschloss an die autoritäre, nationalchauvinistische deutsche Vergangenheit. Wer Rudi anders interpretiert, verfälscht seine Ideen.“
Aktuelle Diskussion
Rudi Dutschkes hat ein Ehrengrab auf dem Kirchhof der St. Annen-Gemeinde in Berlin-Dahlem.
Verhältnis zu Gewalt
Nicht nur für konservative Gegner, sondern auch für traditionelle Marxisten stellte Dutschke eine Reizfigur dar.[22] Heute wird sein Denken und Handeln besonders in Bezug auf sein Verhältnis zu Gewalt erneut kontrovers diskutiert. Umstritten ist nach wie vor sein auf Guevara gestütztes Konzept der „Stadtguerilla“, das er seit 1966 entwickelte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar sieht darin die theoretische Fundierung des Terrorismus, wie ihn die RAF später ausübte. Er zeigt anhand vieler, teilweise unveröffentlichter Aussagen Dutschkes, das Konzept sei kein „Verfalls- und Verzweiflungsprodukt der 68er-Bewegung“, sondern feste Begründung ihrer Aktionen gewesen. So hieß es im „Organisationsreferat“, das Dutschke mit Hans-Jürgen Krahl verfasst und am 5. September 1967 beim Bundeskongress des SDS in Frankfurt a.M. vorgetragen hatte:[23]
„Die ‚Propaganda der Schüsse‘ (Che Guevara) in der ‚Dritten Welt‘ muss durch die ‚Propaganda der Tat‘ in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerillatätigkeit geschichtlich möglich macht. Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.“
Die „Frankfurter Rundschau“' folgerte, „dass Dutschke propagierte, was Baader und die RAF praktizierten“. Der Journalist Richard Herzinger wirft ihm und seinen Genossen vom SDS heute vor:
„Indem sich die 68er dieser todessüchtigen Gewaltideologie des Trikont-Propheten Che Guevara anschlossen, verlangten sie also nicht nach weniger, sondern nach mehr Krieg, nicht nach weniger, sondern nach mehr Opfern.“
Worin genau die von Dutschke geforderte „Irregularität“ bestehen sollte, ist jedoch mehrdeutig. Seine Witwe Gretchen Dutschke-Klotz und andere sehen hier gezielte konfrontative, aber nicht gewaltsame Regelverstöße zur Erweiterung demokratischer Handlungsspielräume. Sie schrieb dazu am Montag, dem 8. August 2005, in der taz:
„Wenn Rudis Theorien zum Baader-Meinhof-Terrorismus geführt haben, dann hat Thomas Jefferson auch Osama Bin Laden inspiriert.“
Wegen solcher Aussagen werfen manche deutsche Historiker ihr heute eine „Pflege des Mythos Dutschke“ vor.[24]
Gegenwartsbedeutung
Für Ralf Dahrendorf haben Dutschkes theoretische Entwürfe und gesellschaftswissenschaftliche Forschungen heute keine öffentliche Bedeutung:
Er war ein konfuser Kopf, der keine bleibenden Gedanken hinterlassen hat. Worauf man zurückblickt, ist die Person: ein anständiger, ehrlicher und vertrauenswürdiger Mann. Aber ich wüsste niemand, der sagen würde: Das war Dutschkes Idee, die müssen wir jetzt verfolgen.[25]
Straßenumbenennung
Am 30. April 2008 wurde ein Teil der Kochstraße in Berlin offiziell in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt. Sie grenzt direkt an die Axel-Springer-Straße.[26] Um die Umbenennung gab es ab 2005 einen öffentlich ausgetragenen Konflikt. Mehrere Klagen von Anwohnern sowie vom in der Kochstraße ansässigen Axel Springer Verlag blieben erfolglos.[27]
Film
Das ZDF produziert seit April 2008 einen Fernsehfilm über das Leben des Studentenführers ab 1964. Die Hauptrolle spielt Christoph Bach, Regisseur ist Stefan Krohmer, Drehbuchautor ist Daniel Nocke. Der Film soll dokumentarische Elemente, Originalaufnahmen und Interviewpassagen von Dutschke enthalten und im Herbst 2008 gezeigt werden.[28]

Werke
Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben – Die Tagebücher 1963–1979.[29] Hrsg. v. Gretchen Dutschke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, ISBN 3462032240
Rudi Dutschke: Geschichte ist machbar. Texte über das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens. Hrsg. von Jürgen Miermeister. Klaus Wagenbach, Berlin 1991, ISBN 3803121981.
Rudi Dutschke: Lieber Genosse Bloch … – Briefe Rudi Dutschkes an Karola und Ernst Bloch. Hrsg. von Karola Bloch und Welf Schröter. Talheimer Verlag, Mössingen 1988, ISBN 3893760016
Rudi Dutschke: Aufrecht gehen – Eine fragmentarische Autobiographie. Herausgegeben von Ulf Wolter, eingeleitet von Gretchen Dutschke-Klotz, Bibliographie: Jürgen Miermeister, Olle und Wolter, Berlin 1981, ISBN 3883954276, Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg, auszugsweise über das „Spiegel“ Archiv erhältlich. [[1]] Schwedische Ausgabe bei Symposion, 1983, ISBN 91-7696-025-0
Rudi Dutschke: Mein langer Marsch. Reden, Schriften und Tagebücher aus zwanzig Jahren Hrsg. von Gretchen Dutschke-Klotz, Helmut Gollwitzer und Jürgen Miermeister. Rowohlt, Reinbek 1980, ISBN 3499147181
Fritz J. Raddatz (Hrsg.): Warum ich Marxist bin. Kindler, München 1978, S. 95–135, ISBN 3463007185
Rudi Dutschke: Gekrümmt vor dem Herrn, aufrecht im politischen Klassenkampf: Helmut Gollwitzer und andere Christen. In: Andreas Baudis u.a. (Hrsg.): Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Für Helmut Gollwitzer zum 70. Geburtstag. Christian Kaiser, München 1978, S. 544–577, ISBN 3459011866
Rudi Dutschke / Manfred Wilke (Hrsg.):Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke, Rowohlt, Reinbek 1975
Frank Böckelmann, Herbert Nagel (Hrsg.): Subversive Aktion. Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern. Neue Kritik, Frankfurt am Main 1976, 2002, ISBN 3-8015-0142-6
Rudi Dutschke: Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus. Klaus Wagenbach, Berlin 1974, 1984, ISBN 3-8031-3518-4
Rudi Dutschke: Zur Literatur des revolutionären Sozialismus von K. Marx bis in die Gegenwart. sds-korrespondenz sondernummer. Berlin 1966, Paco Press, Amsterdam 1970 (diverse Reprints), ISBN 3-929008-93-9
Uwe Bergmann, Rudi Dutschke, Wolfgang Lefèvre, Bernd Rabehl: Rebellion der Studenten oder die neue Opposition. Eine Analyse. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968.
Rudi Dutschke: Wider die Päpste. Über die Schwierigkeiten, das Buch von Bahro zu diskutieren. Ein offener Brief an den Stasi Chef; in Ulf Wolter (Hrsg.): Antworten auf Bahros Herausforderung des realen Sozialismus; Berlin: Olle & Wolter, 1978, ISBN 3-921241-51-0; engl. Ausgabe, USA, M.E.Sharpe, 1980, ISBN 978-0-87332-159-4; Books on Demand, ProQuest/AstroLogos, ISBN 978-0-7837-9935-3, 2007, Ulf Wolter (Hrsg.), Rudolf Bahro, Critical Responses mit Beiträgen von Marcuse, Pelikan, Lombardo Radice u.a.

Literatur

Ulrich Chaussy: Die drei Leben des Rudi Dutschke. Eine Biographie; Zürich: Pendo, 1999 (19831), ISBN 3-85842-532-X.
Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke – Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben.[30] Eine Biographie; Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1996, ISBN 3-462-02573-2.
Michaela Karl: Rudi Dutschke – Revolutionär ohne Revolution; Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik, 2003, ISBN 3-8015-0364-X.
Wolfgang Kraushaar: Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf; in: Karin Wieland, Jan Philipp Reemtsma (Hrsg.): Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF; Hamburg: Hamburger Edition, 2005, ISBN 3-936096-54-6.
Gerd Langguth: Mythos ‘68 – Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke – Ursachen und Folgen der Studentenbewegung; München: Olzog, 2001, ISBN 3-7892-8065-8.
Gerd Langguth: Propaganda der Tat – Wer war Rudi Dutschke; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. November 2006, Nr. 265, S. 7.
Jürgen Miermeister: Ernst Bloch. Rudi Dutschke; Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1998, ISBN 3-434-50207-6.
Jürgen Miermeister: Rudi Dutschke; Rororo Bildmonographien; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986 (und weitere Auflagen), ISBN 3-499-50349-2.
Bernd Rabehl: Rudi Dutschke – Revolutionär im geteilten Deutschland, Edition Antaios, Dresden 2002, ISBN 3-935063-06-7.
Rainer Rappmann (Hrsg.): Denker, Künstler, Revolutionäre – Beuys, Dutschke, Schilinski, Schmundt – Vier Leben für Freiheit, Demokratie u. Sozialismus, FIU-Verlag, Wangen 1996, ISBN 3-928780-13-1

Einzelnachweise [Bearbeiten]↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke, a.a.O. S. 58-63
↑ Zeitzeugenbericht dazu: Eckhard Siepmann: Drei Kugeln auf Dutschke
↑ Kerstin Hack: Radikalleben in Berlin
↑ Grab von Rudi Dutschke (1940–1979), St. Annen Kirchhof, Dahlem-Dorf
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke, a.a.O. S. 172f, 227, 459 u.ö.
↑ Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu Leben, Tagebücher 1963–1979, 27. März 1964, S. 20
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Rudi Dutschke – Eine Biographie S. 429
↑ Kai Hermann, S.69
↑ Ernesto Che Guevara: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam, hrsg. und übersetzt von Gaston Salvatore & Rudi Dutschke, Oberbaumpresse, Berlin 1967, ISBN 3926409215 (Vorwort; siehe Einleitung zu CHE GUEVARA)
↑ zitiert nach Michael Frey: Der 2. Juni 1967 - Beginn der Studentenrevolte. Wie es zum Ausbruch kommen konnte (Magisterarbeit an der Ruhruniversität Bochum, 7. Januar 2002)
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Wir hatten ein barbarisches, schönes Leb. Rudi Dutschke, a.a.O. S. 135f
↑ Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben, 10. Juni 1967, S. 45
↑ [http://www.rbb-online.de/_/zurperson/interview_jsp/key=zp_interview_638373.html Günter Gaus im Fernsehinterview mit Rudi Dutschke, gesendet im Ersten Deutschen Fernsehen am 3. Dezember 1967 in der Sendereihe „Zu Protokoll“)]
↑ zitiert nach Gerd Langguth: Rudi Dutschke stand für Gewalt (Tagesspiegel, 26. Januar 2005)
↑ Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979, btb, 1. Auflage 2005, S. 189 (Tagebucheintrag 4. März 1974)
↑ Nachlass, 2. August 1978
↑ Rudi Dutschke: Warum ich Marxist bin – doch Marx sagte: „Ich bin kein Marxist“ (Hrsg. Fritz J. Raddatz) S. 105
↑ Rudi Dutschke: Warum ich Marxist bin, S. 130
↑ Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke; S. 424f
↑ Gretchen Dutschke-Klotz, a.a.O.; S. 472f
↑ Rudi Dutschke: Tagebücher 1963–1979; Nachwort Gretchen Dutschke-Klotz, S. 400
↑ Michaela Karl: Rudi Dutschke. Revolutionär ohne Revolution Verlag: Neue Kritik (Oktober 2003) online Buchvorstellung
↑ Gretchen Dutschke-Klotz, a.a.O. S. 151
↑ Pavel A. Richter (Universität Bielefeld): Rezension der Dutschke-Biografie von Gretchen Dutschke-Klotz für H-Soz-u-Kult
↑ Interview mit Ralf Lord Dahrendorf in der taz vom 5./6. April 2008, tazmag, S. II: Der Minirock wurde nicht 1968 erfunden
↑ 40 Jahre nach der Revolte hat Berlin eine Rudi-Dutschke-Straße
↑ Spiegel Online: Hinterbliebene weihen Rudi-Dutschke-Straße ein, 30. April 2008.
↑ Der Spiegel, 20. Februar 2008: 68er Film: Christoph Bach spielt Rudi Dutschke
↑ buechernachlese.de.vu Rezension von Ulrich Karger zu Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben – Die Tagebücher 1963–1979
↑ buechernachlese.de.vu Rezension von Ulrich Karger zu Gretchen Dutschke-Klotz: Rudi Dutschke – Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben

Donnerstag, 22. November 2007

Goethe 1749-1832

Johann Wolfgang von Goethe, geadelt 1782 (* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar; auch Göthe), ist als Dichter, Theaterleiter, Naturwissenschaftler, Kunsttheoretiker und Staatsmann der bekannteste Vertreter der Weimarer Klassik. Sein Werk umfasst Gedichte, Dramen und Prosa-Literatur, aber auch naturwissenschaftliche Abhandlungen. Er gilt als bedeutendster deutscher Dichter und ist eine herausragende Persönlichkeit der Weltliteratur.

Biographische Aspekte
Goethe übte auf die meisten Zeitgenossen und auf nachfolgende Generationen eine faszinierende Wirkung aus. Die Ursache dieser Faszination liegt zum einen in seiner Vielseitigkeit und der oft damit verbundenen Fähigkeit, in den einzelnen Tätigkeitsfeldern Grundlegendes zu leisten, als auch Maßstäbe zu setzen; zum anderen sind es seine Kommunikationsfähigkeit und Vielgestaltigkeit in ganz unterschiedlichen Aspekten, die sich gegenseitig erhellen. Jeder dieser Aspekte resultiert aus biographischen Einflüssen und lässt sich in seiner Biographie oft über Jahrzehnte hindurch verfolgen. Besonderen Einfluss auf Goethes Entwicklung hatten einerseits seine Beziehungen zu Frauen und andererseits seine Krankheiten. Diese beiden Aspekte sind einander insofern entgegengesetzt, als Frauen häufig die Anfangspunkte einer Entwicklung in Goethes Leben markieren – ein neues Kapitel wird aufgeschlagen –, während die (teilweise schweren) Erkrankungen häufig Endpunkt, Abschluss, aber auch Flucht kennzeichnen.

Ein riesiger Artikel auf
Wikipedia:

Rudolf Steiner 1861-1925

* 27. Februar 1861 in Donji Kraljevec nahe Čakovec, Kroatien (Medjimurje), damals Kaisertum Österreich; † 30. März 1925 in Dornach, Schweiz)
Rudolf Steiner war ein österreichischer Esoteriker und Philosoph. Er begründete die Anthroposophie, eine gnostische Weltanschauung, die zu den neumystischen Einheitskonzeptionen der vorletzten Jahrhundertwende gezählt wird. Auf Grundlage dieser Lehre gab Steiner einflussreiche Anregungen für verschiedene Lebensbereiche, etwa Pädagogik (Waldorfpädagogik), Kunst (Eurythmie, Anthroposophische Architektur), Medizin (Anthroposophische Medizin) und Landwirtschaft (Biologisch-dynamische Landwirtschaft).

Kritik am Werk Steiners:
Das Werk Rudolf Steiners wurde schon zu seinen Lebzeiten sehr kontrovers diskutiert. Streitfragen dabei waren vor allem die proklamierte Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, die von Vertretern der universitären Wissenschaft nicht akzeptiert wurde, die gnostischen Ansätze seiner Christologie, die von den Amtskirchen scharf verurteilt wurden, sowie Steiners Äußerungen zur Rassenfrage, die er aus der Theosophie übernommen hatte. Dieser Kritik ist Steiners Werk auch heute noch ausgesetzt.
Wo sie die esoterischen und okkulten Aspekte des Steinerschen Werkes betrifft, wird Steiner als „modernem Esoteriker“ vorgeworfen, Glaubensfragen mit Wissenschaftlichkeit zu verbinden. Um dies zu erreichen, würden die Kriterien dessen, was als wissenschaftlich angesehen wird, eigenmächtig verschoben. Dies zeige sich etwa, wenn von „Geistes- oder Geheimwissenschaft“ und „hellseherischer Forschung“ die Rede sei. Alles, was mit den Erkenntnissen und Methoden der Wissenschaften nicht zu vereinbaren sei, werde deshalb als „höheres Wissen“ ausgegeben. Hartmut Zinser, Professor für Religionswissenschaft in Berlin, meint: „Damit werden die von R. Steiner angenommenen 'überweltlichen Welten' zu Glaubensaussagen, wie sie aus manchen (nicht allen) Religionen bekannt sind. Allerdings leugnet er den Glaubenscharakter dieser Aussagen und gibt sie als objektive, dem 'okkulten Sehvermögen', dem 'hellseherischen Bewußtsein', der 'Geistesschau' (Geh S. 25) in 'Meditation' und 'Kontemplation' (Geh S. 18) und durch 'Imagination, Inspiration und Intuition' (Geh S. 24) zugängliche Tatsachen aus.“ Steiner unterliege hier einem der erkenntnistheoretischen Grundfehler des modernen Okkultismus, da nicht zwischen Wahrnehmung und Deutung unterschieden werde. Zwar räume Steiner ein, dass seine Ausführungen als „Ergüsse einer wild gewordenen Phantastik oder eines träumerischen Gedankenspiels“ (Geh S. 12) oder als Resultat einer Selbstsuggestion (Geh S. 24) angesehen werden könnten, anstatt dieser Kritik jedoch mit Argumenten zu begegnen, reagiere Steiner mit einer Immunisierungsstrategie, die auf „höheres Wissen“ verweise: „Wer diese Welten (die übersinnlichen) leugnet, der sagt nichts anders, als daß er seine höheren Organe noch nicht entwickelt hat.“ (Theo S. 94)
Im Zusammenhang mit Steiners „Hellsichtigkeit“ wird auch seine Christosophie kritisiert. Steiner behauptete, in der sogenannten „Akasha-Chronik“ ein „Fünftes Evangelium“ gelesen zu haben. Erst mit Hilfe dieser „Geistesforschung“ sei die Menschheit in der Lage zu begreifen, was das Kommen des Christus für sie bedeute. Erst durch diese Phase der „geistigen Erfassung des Christentums durch anthroposophische Vertiefung“ sei die Voraussetzung für eine neue Zeitepoche gegeben: „Indem wir Anthroposophie auf das Christentum anwenden, folgen wir der welthistorischen Notwendigkeit, die dritte christliche Zeitepoche vorzubereiten.“ Steiner fügte hinzu: „So nimmt sich die anthroposophische Weltanschauung aus wie eine Testamentsvollstreckung des Christentums. Um zum wahren Christentum geführt zu werden, wird der Mensch in Zukunft jene spirituellen Lehren aufnehmen müssen, welche die anthroposophische Weltanschauung zu geben vermag“ (Das Johannes-Evangelium, GA 103, S. 213). Jan Badewien, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Baden, kommentiert diesen Anspruch Steiners mit den Worten: „Aus der Sicht aller christlicher Kirchen, die in der Ökumene miteinander verbunden sind, verlassen Steiner und seine Anthroposophie den gemeinsamen Boden der Christenheit, wenn sie eine weitere Offenbarungsschrift der Bibel an die Seite stellen bzw. ihr sogar vorordnen. Die Christosophie, aber auch das Menschenbild zeigen, wie weit Spekulationen schweifen können, wenn sie sich nicht mehr auf einen verbindlichen und allgemein zugänglichen Grund stützen, sondern auf eine von aussen nicht überprüfbare behauptete 'Quelle in der geistigen Welt'. Mit seiner – aus christlicher Perspektive – zusätzlichen Offenbarung muss sich Steiner auf eine Stufe mit Mormonen, dem Universellen Leben der Gabriele Witteck [sic!] oder dem Orden „Fiat lux“ von Uriella und vielen anderen stellen lassen, die jeweils eigene Bibeln verfasst bzw. Christus-Offenbarungen niedergeschrieben haben.“
Eine andere Kritik an Steiner bezieht sich auf die Verwendung von rassen- und geschlechtsspezifischen Stereotypen, wie sie allerdings zu seiner Zeit durchaus üblich waren. Steiner benutzte eine Rassensystematik, die sich auf die Hautfarben bezieht und diesen bestimmte Eigenschaften zuschreibt. So wird etwa die „weiße Rasse“ explizit mit dem „Denkleben“, die „schwarze Rasse“ mit dem „Triebleben“ und die „gelbe Rasse“ mit dem „Gefühlsleben“ assoziiert. Weiterhin werden geschlechtsspezifische Muster bedient, etwa wenn Steiner den Außereuropäern eine „weibliche Passivität“ zuschreibt. Die Kulturwissenschaftlerin Jana Husmann-Kastein kommt zu dem Urteil: „Steiner entwickelt zwar keine geschlossene Rassentheorie für die gegenwärtige Menschheit, aber mehrere rassentheoretische Modelle. Die Differenzierungssystematiken an sich beinhalten Essentialisierungen und Diskriminierungen und verbinden sich mit einem 'kosmologischen Determinismus'. Dabei schreiben sich farb- und geschlechtssymbolische Codierungen des Abendlandes deutlich ein.“

Werke
Werke [Bearbeiten]Rudolf Steiners Werk gliedert sich in 36 Bände mit Schriften, etwa 6000 Vorträge sowie die architektonischen und künstlerischen Arbeiten. Ein Großteil der Vorträge ist in Mitschriften von Berufsstenographen und Vortragszuhörern erhalten geblieben. Sie erschienen zunächst im Privatdruck und in Zeitschriften. Später begannen verschiedene Verlage die Vorträge, Schriften im engeren Sinne wie auch die dazu gehörigen Wandtafelbilder zu edieren. Am bedeutendsten ist der Rudolf Steiner Verlag in Dornach, der aus dem bis zu ihrem Tod 1948 von Marie Steiner als Alleinerbin der Autorenrechte geleiteten Nachlassverein hervorging und eine Gesamtausgabe (GA) mit über 300 Bänden vertreibt.

Im Vortragswerk sind verschiedene Sparten zu unterscheiden, die sich an ganz unterschiedliche Hörer wendeten:

Die Vorträge für Mitglieder der Theosophischen bzw. Anthroposophischen Gesellschaft (GA 93-270): Sie waren ursprünglich von Steiner nicht zur Veröffentlichung gedacht. Weil dennoch immer mehr teils fragwürdige Mitschriften kursierten, beauftragte er seine Gattin, diese Vorträge professionell stenographieren zu lassen und mit dem Vermerk zu veröffentlichen, dass diese Texte nur verstehen könne, wer mit den Grundlagen der Anthroposophie vertraut sei.
Öffentliche Vorträge (GA 51-84): Hier vertrat Steiner seine Anthroposophie voraussetzungslos. Diese Texte demonstrieren, wie er seine Anthroposophie an das „mitteleuropäische“ Geistesleben anknüpfen wollte.
„Arbeitervorträge“ (GA 347-354): eigentlich keine Vorträge, sondern eher Plauderstunden mit den Leuten, die das erste Goetheanum bauten. Steiner griff auf, was die „Arbeiter“ ihn fragten, aber nur seine Antworten wurden mitgeschrieben. Das macht diese Texte sehr problematisch, weil kaum zu unterscheiden ist, was wirklich Steiners Meinung war und was er nur als Teil der gestellten Frage referierte.
Die wichtigsten Publikationen:

Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, 1883 - 1897 (Internet)
Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, mit besonderer Rücksicht auf Schiller, 1886 (Internet)
Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel einer „Philosophie der Freiheit“, 1892 (Internet)
Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung - Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode, 1894 (Internet)
Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit, 1895
Goethes Weltanschauung, 1897
Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung, 1901
Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums , 1902 (Internet; sowie die 24 Vorträge, die diesem Werk zugrunde liegen PDF)
Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung, 1904
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten, 1904
Aus der Akasha-Chronik, 1904 – 1908
Die Stufen der höheren Erkenntnis, 1905 – 1908
Die Theosophie des Rosenkreuzers (Vortragszyklus), 1907, ISBN 3-7274-0990-8
Die Geheimwissenschaft im Umriss, 1909
Vier Mysteriendramen, 1910-1913
Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit, 1911
Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen, 1912
Die Schwelle der geistigen Welt, 1913
Die Rätsel der Philosophie, 1914
Vom Menschenrätsel, 1916
Von Seelenrätseln, 1917
Goethes Geistesart, 1918
Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, 1919
Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus, 1919
Mein Lebensgang, 1925 (PDF)
Anthroposophische Leitsätze, 1924/1925
Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen (mit Ita Wegman), 1925

Donnerstag, 15. November 2007

Erwachsenenbildung Definition - WIKIPEDIA

Die Begriffe Erwachsenenbildung und Weiterbildung werden in der Fachliteratur zunehmend synonym, in einzelnen Artikeln auch additiv verwendet (Tippelt, 1999, S.11).

Definition: Der Deutsche Bildungsrat hatte im Jahr 1970 Erwachsenenbildung (Weiterbildung) definiert als „Fortsetzung oder Wiederaufnahme organisierten Lernens nach Abschluss einer unterschiedlich ausgedehnten ersten Bildungsphase“.

Erwachsenen- und Weiterbildung im Überblick [Bearbeiten]Das Berichtssystem Weiterbildung des deutschen Wissenschaftsministeriums unterscheidet:

die Berufliche Weiterbildung
die Allgemeine Weiterbildung
die Politische Weiterbildung
das Informelle Lernen
das lebenslange Lernen

Neben der Teilnahme an Seminaren zählen zur Weiterbildung auch:

Fernunterricht
computergestütztes Lernen
Training on the job (Fortbildung am angestammten Arbeitsplatz in einem Unternehmen)
Training near the Job (Fortbildungsmaßnahmen im Unternehmen, aber nicht am bisherigen Arbeitsplatz)
Training off the Job (Weiterbildung, die außerhalb eines Unternehmens stattfindet)
selbstorganisiertes Lernen
Für die Erwachsenenbildung/Weiterbildung wurden eigene theoretische Grundlagen und Methoden entwickelt oder adaptiert.


Geschichte der Erwachsenen- und Weiterbildung [Bearbeiten]Erste Ansätze der Erwachsenenbildung zeigen sich im Zuge der Aufklärung bereits im 18. Jahrhundert etwa bei der Gründung der Königlichen Dänischen Ackerakademie zu Glücksburg durch den Agrarreformer Philipp Ernst Lüders.

Die Ursprünge der Erwachsenenbildung in Deutschland gehen zurück auf Bemühungen der Arbeiterbildungsvereine im 19. Jahrhundert, die anfänglich deutlich emanzipatorische Ziele postulierten. Hier gründen auch die ersten gewerkschaftlichen und sozialistischen Weiterbildungsinitiativen. Die Praxis der gegenwärtigen bundesdeutschen Erwachsenenbildung dagegen sieht sich eher in der Tradition des bürgerlichen Bildungsideals.

Lese- und Literaturgesellschaften boten im Bürgertum des 18. Jahrhunderts erste Ansätze. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die Volksbildungsvereine. Daneben entwickelte sich die Bewegung der Arbeiterbildung, die sich in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit fortsetzt. Erste Einsichten zu einer Notwendigkeit eines Life long Learning finden sich in der Industrialisierten Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts.

In den USA entstanden Ende des 19. Jahrhunderts Chautauquas als erste Veranstaltungen zur Massenweiterbildung.


Recht und Weiterbildung [Bearbeiten]Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit ist in verschiedenen Codices auf nationaler und internationaler Ebene festgeschrieben. Daraus ergibt sich auch eine staatliche Pflicht zur Förderung von Erwachsenenbildung. In Deutschland sind die unterschiedlichen Landesgesetze Grundlage der Förderung, die dementsprechend unterschiedlich gestaltet ist. Zumeist wird ein kooperativer Pluralismus von Anbietern (öffentliche, kirchliche, gewerkschaftliche usf.) gefördert.

Seit den 70er Jahren ist zu diesem institutionellen Ausbau der Versuch getreten, die individuelle Teilnahmemöglichkeit durch Bildungsurlaubs- oder Bildungsfreistellungsgesetz (Bildungsurlaub) zu verbessern: Beschäftigte haben das Recht, in der Regel fünf Tage jährlich für Zwecke der beruflichen und politischen Bildung (auch hier differieren die Ländergesetze) freigestellt zu werden. Nur eine Minderheit von etwa ein bis zwei Prozent der Berechtigten macht aber von diesem Recht Gebrauch.

Insbesondere im Bereich der Umschulung hatte die Erwachsenenbildung in den letzten Jahren aufgrund der real restriktiven Sozialgesetzgebung Rückgänge zu verzeichnen. In Folge von Hartz IV ist der Zugang zu Bildungsgutscheinen für Arbeitslose sehr erschwert worden.

Unter dem Motto Europa tut Deutschland gut wirbt die Bundesregierung in Tageszeitungen mit folgenem Zitat aus der EU-Verfassung:

„Jede Person hat das Recht auf Bildung sowie Zugang zur beruflichen Ausbildung und Weiterbildung.“

Artikel II-74, Ziffer 1, EU-Verfassung


Institutionen der Erwachsenen- und Weiterbildung [Bearbeiten]Träger und Anbieter öffentlicher Erwachsenenbildung/Weiterbildung sind u.a. die Familienbildungsstätten, Heimvolkshochschulen und Volkshochschulen, gewerkschaftliche und kirchliche Einrichtungen, Akademien, Bildungszentren der Kammern (z.B. Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer), private Bildungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen in Betrieben. Weiterbildung gehört neben Lehre und Forschung auch zu den gesetzlichen Aufgaben der Hochschulen (Wissenschaftliche Weiterbildung).

Die allgemeine Hochschulreife (Abitur) kann an einem Abendgymnasium, per Fernunterricht oder - in Tagesform - auch an einem Kolleg erworben werden.

Weiterbildungsberatung im beruflichen Bereich bieten neben den Weiterbildungsträgern die Kammern, die zugleich freilich meist Weiterbildungsanbieter sind; trägerneutrale Beratung, oftmals auch für allgemeine Weiterbildung, bieten unabhängige Weiterbildungsberatungsstellen, die meist kommunal verankert sind. Je nach Schwerpunkt findet man hier Informationen zu Bildungswegen, Weiterbildungsangeboten, Fördermöglichkeiten, Wiedereinstieg nach Babypause und Verbraucherschutz; neben Informationsmaterial werden gewöhnlich auch orientierende Beratungsgespräche angeboten.


Für Weiterbildung, Weiterbildungsinnovationen und Weiterbildungsforschung gibt es an fast jeder Universität der Bundesrepublik eine eigenständige Professur. Darüber hinaus beschäftigt sich bundesweit das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung mit der Entwicklung im Feld der Erwachsenen- und Weiterbildung. Auch mit Bürgeruniversitäten und Seniorenakademien engagieren sich einzelne Universitäten seit neuerem im Weiterbildungsbereich.

Weiterhin gibt es Einrichtungen, die Weiterbildung ausschließlich über das Internet als E-Learning betreiben.

Siehe auch: Zweiter Bildungsweg, Computeria, Bürgeruniversität


Weiterbildungsbeteiligung [Bearbeiten]Dem aktuellen Berichtssystem Weiterbildung des BMBF (Kuwan et al., 2003) lassen sich jeweils aktuelle Zahlen zur Weiterbildungsbeteiligung der Deutschen entnehmen.

Im Jahr 2000 haben demnach 43 Prozent der Befragten zwischen 19 und 64 Jahren an beruflicher oder allgemeiner Weiterbildung in Form von Lehrgängen/Kursen oder Vorträgen teilgenommen, die Gesamtteilnahmequote war damit - verglichen mit den Jahren 1986-1997 erstmals rückläufig (Kuwan, 2003, S. 17).


Studium der Erwachsenenbildung/Weiterbildung [Bearbeiten]Erwachsenenbildung/ Weiterbildung kann an zahlreichen Universitäten als Studienrichtung der Erziehungswissenschaft im Rahmen eines Diplom- oder BA/MA Studiums studiert werden. Die Erwachsenenbildung ist in der Regel in Lehrstühlen und Professuren realisiert, an wenigen Universitäten gibt es mehrere Professuren oder ganze Institute (etwa in Bremen oder Duisburg-Essen).


Handlungsorientierung [Bearbeiten]Erwachsenenbildung findet häufig nicht im Frontalunterricht statt, sondern mit starkem Handlungsbezug, der die berufstyptischen Erfahrungen und die lebenspraktischen Erwartungen sowie die Ziele der Maßnahmenträger als auch der Teilnehmer selbst zu erfüllen hat.

Neben den im sog. Göttinger Katalog aufgeführten Methoden haben sich weitere Lehrmethoden selbstgesteuerten Lernens etabliert, die dem Lernenden weitgehende Eigenständigkeit bei der Umsetzung der Lernziele erlauben bzw. abverlangen, z.B.:
(alphabetisch)


Coaching
Handlungsorientierter Unterricht
Planspiel
Projektarbeit
Zukunftswerkstatt
Lernen durch Lehren

Training on the job [Bearbeiten]Training on-the-job oder Learning by doing ist eine Form der beruflichen Weiterbildung, die auf deutsch mit Lernen durch Tun umschrieben wird. Sie erfolgt am jeweiligen Arbeitsplatz sowohl in der Einarbeitungsphase als auch in der Routinephase, um dann durch Einbringen weiterer und neuer Aspekte in den jeweiligen Tätigkeitsablauf die Betriebsblindheit in einem Unternehmen zu vermeiden oder rückzubilden.

Siehe auch:

Training near-the-job (Fortbildungsmaßnahmen im eigenen Unternehmen, jedoch nicht am eigenen Arbeitsplatz)
Training off-the-job (externe Weiterbildung).
powerTraining (Weiterbildungsverteilung)

Literatur [Bearbeiten]Einführungen

Rolf Arnold: Erwachsenenbildung. Eine Einführung in Grundlagen, Probleme und Perspektiven. 4. überarb. Auflage. Schneider-Verl. Hohengehren, Baltmannsweiler 2001, ISBN 3-89676-402-0
Peter Faulstich, Christine Zeuner: Erwachsenenbildung. Eine handlungsorientierte Einführung. Juventa, München 1999, ISBN 3-7799-1541-3
Hermann Forneck, Daniel Wrana: Ein parzelliertes Feld. Einführung in die Erwachsenenbildung. wbv, Bielefeld 2005, ISBN 3-7639-3165-1
Jochen Kade, Dieter Nittel, Wolfgang Seitter: Einführung in die Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Kohlhammer, Stuttgart 1999, ISBN 3-17-015904-6
Karl Platzer: Rechtliche Grundlagen der Erwachsenenbildung unter besonderer Berücksichtigung von EB-Gesetzen. WiKu-Verlag, Duisburg 2006, ISBN 3-86553-153-9
Johannes Schwerdtfeger und Hans-Jürgen Andräs unter Mitarbeit v. Ulrich Planck und Manfred Raupp: Bestandsaufnahme zur Erwachsenenbildung. Eine empirisch-statistische Untersuchung. Neckar-Verlag Villingen 1970. XIV. 202 S. (Bildung in neuer Sicht. Reihe A, Nr. 22.)
Jürgen Wittpoth: Einführung in die Erwachsenenbildung. Leske & Budrich, Opladen 2003, ISBN 3-8100-3554-8
Josef Olbrich: Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland. Leske & Budrich, Opladen 2001, ISBN 3-8100-3349-9
Werner Sarges & Friedrich Haeberlin (Hrsg.): Marketing für die Erwachsenenbildung - mit einer Einleitung von J.H. Knoll. Hannover 1980, Schroedel.
Handbücher und Lexika

Rudolf Tippelt (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Leske & Budrich, Opladen 1999, ISBN 3-8100-2329-9
Bernd Dewe, Günther Frank, Wolfgang Huge: Theorien der Erwachsenenbildung. Ein Handbuch. Hueber, München 1988, ISBN 3-19-006945-X
Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl (Hrsg.): Wörterbuch Erwachsenenpädagogik. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2001, ISBN 3-7815-1117-0
Ralf Koerrenz, Elisabeth Meilhammer, Käthe Schneider (Hrsg.): Wegweisende Werke zur Erwachsenenbildung. Jena 2007, ISBN 978-3-938203-51-4
Peter Jarvis (Hrsg.): International Dictionary of Adult and Continuing Education. Kogan Page, London 1999
Werner Sarges & Reiner Fricke (Hrsg.): Psychologie für die Erwachsenenbildung/Weiterbildung - Ein Handbuch in Grundbegriffen. Göttingen 1986, Hogrefe.

Siehe auch [Bearbeiten]Andragogik, Arbeit und Leben, Arbeiterbildung, Bildung von unten, Bildungsurlaub, Personal-Entwicklungs-Management

Weblinks [Bearbeiten]Erstes Haus für Erwachsenenbildung in NRW - aus geschichte.nrw.de
Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Erwachsenen-_und_Weiterbildung“

Sonntag, 23. April 2006

Hans Lenk 1935

Hans Lenk ist einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Gegenwartsphilosophie. Er wurde am 23. März 1935 in Berlin geboren, wuchs in Ratzeburg auf und studierte nach dem Abitur an der dortigen Lauenburgischen Gelehrtenschule von 1955 bis 1961 Mathematik, Philosophie, Soziologie, Sportwissenschaft, Psychologie in Freiburg und Kiel sowie, während seiner Assistentenzeit an der TU Berlin, auch Kybernetik. Nach seiner Habilitation (in Philosophie und Soziologie) lehrte Lenk zunächst in Berlin, bis er 1969 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Karlsruhe folgte.

Neben seiner Karlsruher Forschungs- und Lehrtätigkeit nimmt Lenk eine Vielzahl von Ehrenämtern in wissenschaftlichen Institutionen des In- und Auslandes wahr: Er ist Dekan der Europäischen Fakultät für Bodenordnung in Straßburg sowie mehrfach Ehrenprofessor (unter anderem in Budapest, Moskau und Texas). Er war Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland und ist derzeit Präsident der bilateralen Philosophischen Gesellschaften mit Argentinien, Chile und Ungarn. Seit 1994 ist er Mitglied des Institut International de Philosophie, der Weltakademie der Philosophen, seit 1996 auch in dessen Vorstand; 1995 wurde er in die Internationale Akademie für Philosophie der Wissenschaften gewählt, und der Weltkongress für Philosophie wählte ihn zum Vizepräsidenten der Fédération Internationale des Sociétés de Philosophie, der Weltdachgesellschaft der philosophischen Vereinigungen.

Als Gastprofessor hat Lenk unter anderem in den USA, in Brasilien, Venezuela, Norwegen, Japan, Österreich, Indien, Chile und in der Schweiz gelehrt. Zu den vielen Ehrungen, die ihm zuteil wurden, gehören Ehrendoktorwürden der Deutschen Sporthochschule Köln, der Universitäten von Moskau, Córdoba (Argentinien), Budapest und Pécs (Ungarn) sowie zahlreiche Preise, unter anderem die Wissenschaftliche Carl-Diem-Medaille, der Philip Noel Baker Research Prize der UNESCO, der Outstanding Academic Book Award der Association of College and Research Libraries (USA) und der Distinguished Scholar Award der internationalen Philosophic Society for the Study of Sport.

Mit dem Sport verbindet Lenk nicht nur ein philosophisches bzw. wissenschaftliches Interesse, sondern auch seine höchst erfolgreiche Vergangenheit als Leistungssportler, die ihm neben einem Olympiasieg (1960 im Achter) mehrere Europameisterschaften im Rudern einbrachte und 1966 als Amateurtrainer eine Weltmeisterschaft. Seinen alten Lehrer vom Ratzeburger Gymnasium, Karl Adam, zugleich weltberühmter Rudertrainer, zählt Lenk bis heute zu den Personen, die ihn am meisten geprägt haben. Adam hat ihn mit der Philosophie bekannt gemacht und sein Interesse für eine praxisnahe Philosophie und für eine Philosophie der "Eigenleistung" geweckt.

Weitere Schwerpunktthemen von Hans Lenk sind die Gebiete Philosophie und Methodologie der Interpretationskonstrukte, Realismusproblem, Wissenschaftstheorie der Natur- und Ingenieurwissenschaften, Philosophie der Systemwissenschaften, Wissenschaftstheorie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Methodologie und Logik der Erklärung und der Prognose, Philosophie und Soziologie der Technik, Technikfolgenbewertung, Handlungstheorien in interdisziplinärer Sicht, Wissenschafts-, Technik-, Wirtschafts- und Informationsethik, Normenanalyse, Menschenrechte - interkulturell, Philosophie des Geistes, allgemeine Sozialphilosophie, Sozialphilosophie der Leistung und des Sports, Chance der Vernunft in der gegenwärtigen Gesellschaft.

Hans Lenk ist nicht nur einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Gegenwartsphilosophie, sondern auch einer der produktivsten. Seine Publikationsliste umfasst derzeit 1.142 Titel.
Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören:
Einführung in die angewandte Ethik: Verantwortlichkeit und Gewissen (1997),
Einführung in die Erkenntnistheorie: Interpretation - Interaktion - Intervention (1998),
Technikethik und Wirtschaftsethik (Hg. 1998), Konkrete Humanität. Vorlesungen über Verantwortung und Menschlichkeit (1998),
Praxisnahes Philosophieren (1999),
Erfassung der Wirklichkeit (2000).

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Aktuelle Beiträge

Eugène François Vidocq...
ein sehr lesenswerter Artikel: Eugène François Vidocq...
riesemann - 25. Jul, 13:44
Rudi Dutschke 1940 -...
Rudi Dutschke (* 7. März 1940 als Alfred Willi Rudi...
riesemann - 2. Mai, 10:07
Goethe 1749-1832
Johann Wolfgang von Goethe, geadelt 1782 (* 28. August...
riesemann - 22. Nov, 10:54
Rudolf Steiner 1861-1925
* 27. Februar 1861 in Donji Kraljevec nahe Čakovec,...
riesemann - 22. Nov, 10:49
Erwachsenenbildung Definition...
Die Begriffe Erwachsenenbildung und Weiterbildung werden...
riesemann - 15. Nov, 15:39

Status

Online seit 7429 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 3. Aug, 09:54

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren